579) Die Beseitigung der alten Taxen. Neue Anläufe zu solchen. 121
Eingreifen, wie im Tarifwesen der Verkehrsanstalten, immer unentbehrlicher. Auch die
Kartellpreise werden in Zukunft privater Gewinnsucht so wenig überlassen werden kbnnen
wie einst die Preise der Zünfte.
Schon in den „festen Preisen“, die jedes große Verkaufsgeschäft heute hat, liegt
der Verzicht auf die subjektive Möglichkeit, einem Käufer mehr abzunehmen als dem
anderen, liegt die Tendenz, große Umfsätze zu einem Durchschnittswert möglichst glatt,
ohne Feilschen zu erzielen; jedermann sieht darin ein reelles, anständiges Vorgehen.
Je größer die Geschäfte werden, desto unmöglicher ist es, in ihnen jedem untergeordneten
Verkäufer ein Aufschlagen und Ablassen im Preise zu gestalten, desto mehr kommen
feste Verkaufsbedingungen und Preise zur Herrschaft. Vollends wo Staat und Gemeinde
verkaufen, folgen sie meist dieser Regel, und mischen sich in ihre Preisfestsetzungen all⸗
gemeine volkswirtschaftliche und humane Rücksichten, teilweise freilich auch Steuer⸗
rücksichten und einseitiger Fiskalismus. Das Holz aus den Staatsforsten hat man
vielfach zu festen Preisen abgegeben, daneben freilich auch an den Meistbietenden ver—
kauft. Kommunale Gasanstalten und Wasserwerke liefern zu festen, als billig ver—
teidigten, in Ortsvertretungen erörterten Preisen.
Aber über die einzelnen Geschäfte und öffentlichen Betriebe hinaus hat das
praktische Bedürfnis nach festen durchschnittlichen Preisen zu Festsetzungen für ganze
Industrien geführt. Ein Beispiel ist die bekannte Preisferie für das Pariser Bau—
gewerbe. Zunächst wünschte man für die Submission von Staats- und Gemeinde—
bauten und die Prüfung der Gebote einen festen sachverständigen Anhalt. Morel, ein
Beamter des Ministeriüms der öffentlichen Arbeiten, machte eine solche Zusammen—
stellung, eine Preisliste, und revidierte sie von 1840 an jährlich. Die Seérie Morel“
erwarb sich solches Ansehen, daß sie zuletzt für fast alle privaten und öffentlichen
Bauten vom Publikum, den Unternehmern und Arbeitern ohne weiteres benützt, von
den Richtern ihren Entscheidungen zu Grunde gelegt wurde. Nach dem Tode Morels
hat der Seinepräfekt fie jährlich neu bearbeiten und prüfen lassen; seit 1872 wurden
Vertreter der Unternehmer, der Architekten, der Ingenieure und der Arbeiter dabei zu—
gezogen. Das ganze große Pariser Baugeschäft mit seinen 80000 Arbeitern wirt—
schaftete jahrzehntelang unter dieser Preisserie, ähnlich wie die Fleischer und Bäcker
einst unter ihrer Taxe, Erst in den achtziger Jahren führten die von den Arbeitern
in der Serie durchgesetzten Lohnerhöhungen zur Weigerung vieler Unternehmer, die
Serie anzuerkennen und zu langen Streitigkeiten. Sie endigten endlich Juli 1899 mit
Regierungsdekreten, wonach für öffentliche Bauten die Unternehmer verpflichtet werden,
normale gleichmäßige Löhne zu zahlen. Auch die Art, wie bis heute im kleinen
Müllergeschaft die Mahlmete (— i des Mehls) als Mahllohn stehen geblieben ist,
wie im deuischen Buchhandel die Sitte des Rabattgebens von seiten der Verleger
an die Sortimenter, von seiten dieser an die privaten Käufer sich erhalten hat, ist
ein Beweis, wie feste Sitten und Preissatzungen heute noch tief in die freie Wert—
bewegung eingreifen.
Können so heute Gewohnheit und Bedürfnis Preissatzungen zu autoritativem
Rang erheben, so haben natürlich auch die Gewerbefreiheit und ihre Verbote die Preis—
verabredungen aller Kreise nie ganz gehindert. Sie sind in steigendem Maße im
18. Jahrhuͤndert bei Bäckern und Fleischern, Klein- und Großhändlern, Fabrikanten
und Gutsbesitzern, Hausindustriellen und Arbeitern entstanden; überall erlahmte Polizei
und Gericht welche sie hindern wollten, zumal wo es sich um mächtige, reiche Ver—
käufer in leiner Zahl handelte, die sich beim Diner, beim Weggehen aus einer Sitzung
der amtlichen Interessenvertretung oder des Interessentenvereins verständigen konüten
Aber auch Dutzenden, Hunderten und Tausenden von Arbeitern und kleinen Produzenten
ist vielfach dasselbe gelungen; sie haben für bestimmte Leistungen und Waren gleich—
mäßige feste Preise verabredet und sie fur bestimmte Zeiten festzuhalten vermocht. Eine
Ihebliche Verstärkung erhielten diese einseitigen Verabredungen, wo es gelang, sie zur
rundlage zweiseitiger Verständigung zwischen Gruppen von Käufern und Verkaufern
zu machen. Wir haben die Organisatin dau hier nicht zu schildern. Auf das Zu—