Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

122 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung 580 
sammenwirken der Arbeiter- und Unternehmerverbände kommen wir unten zurück; be— 
onders wichtig erscheinen die neuerdings in England von dem Fabrikanten G. J. Smith 
gegründeten „Alliancen“, welche durch gemeinsame Verabredungen den beteiligten 
Ärbeitern Lohnerhöhungen, den Unternehmern feste auskömmliche Warenverkaufspreise 
verschaffen sollen. Viele Unternehmerverbände haben mit den ihnen gegenüberstehenden 
diejeranten bez. Abnehmern Preisverabredungen getroffen: z. B. landwirtschaftliche mit 
Düngerlieferanten, Kohlenproduzenten und -händler mit Kohlenkonsumenten und Ver— 
kehrsanstalten u. j. w. Über Diskonterhöhungen verständigen sich heute meist die großen 
Banken. Am tiefgreifendsten haben die Preisdiktate der großen Kartelle und Trusts 
seit 15 Jahren gewirkt. 
Niemand, der die Wirklichkeit und die neueren Untersuchungen über dieses ganze 
zroße Gebiet der kollektiven verabredeten Preisbildung kennt, wird heute mehr be— 
haupten, daß diese Verabredungen einflußlos oder vergeblich gewesen seien. Sie haben 
natürlich, so wenig wie die alten Taren, den Preis im entgegengesetzten Sinne von 
Angebot und Nachfrage meistern können; sie konnten bei Uberangebot nicht hohe, bei 
Maͤngel nicht niedrige Preise schaffen. Aber sie haben auf Angebot und Nachfrage 
selbst eingewirkt und haben die Preise immer zeitweise zu modifizieren gewußt. Ob 
mmer richtig, maßvoll, im Gesamtinteresse, ist eine andere Frage. Wie dem sei, die 
Zahl derer, welche jede solche Verabredung und gesellschaftliche Festsetzung angreifen, 
ist im Abnehmen; nur wo rücksichtslos hohe Monopolpreise anormal hohen Gewinn 
exzeugen, findet noch allgemein eine Verurteilung statt. Die Festhaltung mäßiger und 
steigender Löhne auf diesem Wege wird mehr und mehr von allen Seiten gebilligt. UÜber 
die Kartellpreise streitet man, mit Recht, weil sie teilweise billig und gerecht, teilweise 
schamlos und habsüchtig festgesetzt wurden. Die Untersuchung der Preise unter dem 
Einfluß der Kartelle ist freilich sehr schwierig, weil andere Ursachen immer so bedeutend 
mitwirken, daß die Stärke des Einflusses dieser Ursachen nicht leicht zu erkennen ist. 
Das Beste darüber giebt jetzt die Untersuchung von Professor Jenks. Das Gallon 
raffinierten Petroleums in New-York ist von 1866—1900 von 25—385 gesunken auf 
5—410 Cents; die Differenz zwischen Rohöl und raffiniertem war früher 10 —30, jetzt 
meist 228 Cents. Die Hauptursachen der Anderungen liegen in dem Reichtum der 
jeweilig benutzten Quellen und den technischen Fortschritten. Den Gang der Oscillationen 
aber hat der Trust und die spätere Compagnie wesentlich beeinflußt, und das ist schon 
viel; die Organisfation hat ebenso den Fortschritt der Technik und hierdurch den Preis 
beherrscht. Der nordamerikanische Zuckertrust hat die Preisdifferenz zwischen Roh⸗ und 
raffiniertem Zucker zeitweise von 50—75 Cents auf 1-1,70 Dollar erhöht, damit aber 
auch neue Konkurrenzen und neuen Preissturz erzeugt. Wo die Verabredungen den Bogen 
überspannen, erzeugen sie durch Belebung der Konkurrenz der Draußenstehenden stärkere 
Preiswechsel stalt der erstrebten Stabilitäͤt. Je maßvoller sie aber auftreten, je mehr 
sie durch technische und organisatorische Verbesserungen wirken statt durch monopolistische 
Preisheraufsetzungen, je mehr sie auf die Gesamtinteressen und die Konsumenten Rücksicht 
nehmen, je mehr sie fich dem Ideal nähern, das früher alle Tarbehörden anstrebten, 
desto günstiger wird man über sie urteilen. 
175. Die Wert- und Preisbildungen bei den Verkehrsanstalten, 
ihre Tarife. In schärferer Weise als auf irgend einem anderen Gebiete hat die 
Preisgestaltung im Verkehrsdienste in alter wie in neuerer Zeit obrigkeitlichen Einfluß 
erfahren, zu einem schematischen Taxwesen geführt. Feststehende Verzeichnisse der Be— 
jörderungspreise nach Meilen und Kilometer, nach Art der Waren, nach Art der von 
den Personen benutzten Fahrzeuge und Gelasse, nach der Schnelligkeit der Beförderung 
waren und sind überall als Tarife im Gebrauche. Diese Tarife sind von gewissen 
Principien aus entworfen, über deren Grundlagen und Berechtigung man streitet, die 
stets neben technisch-wirtschaftlichen Gesichtspunkten fittliche und rechtliche, wirtschafts- 
politische und sociale einschließen; soweit diese Gefichtspunkte sich widerstreiten, handelt 
es sich im praktischen Leben um Kompromisse, die in den einzelnen Tarifen ihren Aus— 
druck finden. Die Verschiedenheit der Tarife bei verschiedenen Verkehrsanstalten und
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.