581)] Die Taxen und Tarife der Verkehrsanstalten.
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in verschiedenen Ländern ist ebenso sehr durch diese verschiedenen Principien wie durch
wirtschaftliche, technische, Angebots- und Nachfrageverhältnisse bedingt.
Wir machen uns die thatsächlichen Verhältnisse am besten durch eine historische
Erzählung klar.
Es handelte sich in allen älteren Zeiten um kleine Schiffer, um Pilger, um
Reisende und fürstliche Boten, um kleine Frachtfuhrleute, welche ieils im Nebenerwerb,
teils berufsmäßig gegen Entgelt Briefe, Güter und Personen beförderten. Thaten sie
es ursprünglich oft aus Gefälligkeit sehr billig, so nahmen sie doch bald, was sie er—
halten konnten; das war sehr viel, wenn die Beförderung sehr wichtig, die Reise ge—
fährlich und teuer war; für Waren mußte von Anfang an die örtliche Preisdifferenz
entscheiden, fie bestimmte jedenfalls die äußerste Höhe des Entgelts; hochgeschätzte
Güter, Kolonialwaren, feine Gewebe, die nicht sehr schwer, fern von ihrem Produktions⸗
ort 100—300 Prozent höher im Preise standen, kounten eine sehr hohe Fracht zahlen.
Wo ein regelmäßiger Verkehr durch die Transportgeschäfte, die Boten und Schiffer
entstand, machten sich so ziemlich überall folgende Umstaͤnde und Überlegungen geltend:
1. Hatten die öffentlichen Gewalten und die Geschäftsleute, beide, ein gleichmäßiges
Interesse an der Beförderung, an ihrer Sicherheit und Regelmäßigkeit; bei richtiger
Ineinanderpassung der Diensie für Gemeinde und Private konnten weniger Personen,
Pferde oder Schiffe dasselbe oder mehr leisten, als wenn man sich nicht zusammenthat.
2. Benutzten die Befördernden öffentliche Wege, Brücken, Hafenanlagen; sie verurfachten
so der Gesamtheit Kosten, an deren Aufbringung gedacht werden mußte. 8. War das
Bedürfnis meist ein ungleichmäßiges, nach Jahreszeit, Ernten, politischen und wirkt—
schaftlichen Ereignissen; die beförderuden Geschäfte und Personen hatten bald wenig,
bald sehr viel zu thun, boten sich deshalb vald fast umsonst an, bald forderten sie über—
mäßige Preise, wenn nicht eine gleichmäßige Taxe vorhanden war. 4. Fühlten sich die,
welche die Transportdienste begehrten, naturgemäß verletzt, wenn ohne besondere Ursache
dem einen viel, dem andern wenig für denselben Dienst abgefordert wurde, wenn der
Schiffer dem einen feinen Dienst versagte, dem anderen nicht. Dem Nicht⸗Magdeburger
auf der Fahrt zu Schiff nach Hamburg mehr abzunehmen als dem Stadtbürger, das
fand man fsreilich noch 1780 jelbstverständlich; aber alle Gemeindegenofsen gleich zu
behandeln, das war eine Forderung, die sich wohl seit Jahrhunderten in jedem socialen
Körper, welcher einige Transportveranstaltungen besaß, fest eingebürgert hatte.
Das Resultat war klar: die Schiffer, die Boten, die Frachtsfuhrleute wurden halb
als Diener der Gesamtheit angesehen, zumal da, wo man in älterer Zeit lange alle
vorhandenen Schiffe und Pferde für den öffentlichen Dienst, wenn es uötig schien,
requiriert hatte. So wurden die Transportleute meist wie ein Offigzialgewerbe be—
handelt, die man konzessionierte, aber auch in ihren Forderungen beaufsichtigte: ein
Tarwesen je für halbe und ganze Jahre, für Sommer und Winter entstand teils aus
Vereinbarungen der Benutzer und der Verfrachter, der Kaufmannschaft und der Schiffer—
gilde, teils unter Vermuütelung und Autorilät der Behbrden Es bildeten sich ein
Reihendienst der Beteiligten, fesle Abfahrtszeiten und Ähnliches. Jedenfalls seit dem
—18. und 14. Jahrhundert bis in die erfte Hälfte des 19. treffen wir überwiegend solche
Taren und, Einrichlungen, dielfach auch schon wie bei der Post — einen flaatlichen
Großbetrieb mit ausgedildeten Preistarisen. Und wenn daneben da und dort zeitweise
der ganz freie Betrieb der Einzelgeschäfte mit freier Preisbildung nicht fehlte, wie er
4. B. auf der Elbe mit dem Kriege von 1756 an eintrat und bis 1775 dauerte, fast
immer kehrte man zu den alten Einrichtungen zurück, sobald es ging; im angeführten
aber typischen Falle, weil Schiffer und Kaufleute einsahen, daß die überhohen
rachten 17386— 1764 und die derzweifelt niedrigen 17641775 ihnen beiden uleht
hadeten, die lehteren die ganze Schiffahrt ruinerten. Nur in der Seeschiffahrt mt
ihrer Vielgestaltigkeit wird stets mehr freie Bewegung und Preisbildung vorhanden
gewesen sein. Ob auch sie nicht da und dort zu Taren kam, kann ich nicht entscheiden.
ichni Fur die Höhe der Tarifsätze war stets maßgebend, daß die Verfrachter im Durch⸗
chnitt mindestens auf die Kosten kommen mußten. Man war von seiten der Obrigkeit