Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

583)] Die Wertbestimmungsgründe in den heutigen Verkehrstarifen. 125 
sich 1830 —1900 die Art der Tariffestsetzung in den einzelnen Ländern gestaltete, eine 
zewisse Staatsaufficht, eine Tarifhoheit, welche ordnend, Grenzen setzend, im Gesamt-— 
interesse eingreift, noch mehr ein starker Einfluß der öffentlichen Meinung, hat sich 
überall herausgebildet, freilich zu schwach und schüchtern in den Ländern der geld— 
kapitalistischen Herrschaft, in England und in den Vereinigten Staaten, schon etwas 
stärker in den Staaten eines gemischten Systems, wie in Frankreich, am stärksten in 
den Gebieten des Staatsbahnsystems, wie in Deutschland. Und an die Staatsaufsicht 
haben sich überall die Forderungen angeschlossen, daß alle Tarife veröffentlicht werden 
mnüssen, daß die verschiedenen Eisenbahnen eines Landes möglichst einheitliche, klare, 
ieicht verständliche Tarife, wenigstens Tarife mit gleichem System und gleichen Prin— 
ripien haben sollen, daß das große Rechtsprincip der gleichen Behandlung aller Staats- 
bürger von den großen Transportanstalten eingehalten, die Tarife nach dem Vrincip 
der Gerechtigkeit gestaltet werden sollen. 
Wenn wir nun fragen, wie vertragen sich diese Forderungen mit der Freiheit 
des Geschäftslebens, die man ebenfalls als Grundgedanken unserer heutigen wirtschaft— 
lichen Ordnung verlangt, so werden wir eine Antwort am besten geben können, wenn 
wir zuerst principiell uns klar machen, was die Wertbestimmungsgründe im Verkehr 
überhaupt, hauptfächlich im heutigen Eisenbahnverkehr, dann aber auch ähnlich im 
ionstigen modernen Großverkehr seien. 
Die Bestimmung der Höhe der Tariffätze, d. h. der für die Verkehrsdienste ge— 
zahlten Preise, hat im letzten Grunde die gleichen Ursachen wie die Preisbestimmung 
auf dem Markte. Die überlieferten Sätze bilden stets den Ausgangspunkt; auf sie 
wirken nun die entgegengesetzten Interessengruppen in widersprechendem Sinne; je nach 
dem Drucke von der einen oder anderen Seite kommt der Kompromiß bei höheren oder 
niedrigeren Sätzen zustande. Die private Transportanstalt bietet ihren Dienst so teuer 
wie möglich an, will so viel wie möglich gewinnen; Handel und Publikum fragen nach 
den Transportdiensten, wollen sie so billig wie möglich haben, verlangen viel oder 
venig Transportdienste je nach der Höhe der Tarife. 
Die private wie die öffentliche Transportanstalt kann für ihre möglichst hohen 
Forderungen stets zweierlei geltend machen: 1. die bisherigen Transportsähe warten 
nach der'alten Verkehrstechnik) so und so hoch; setzt fie dieselben um 10 —380 Prozent 
herab, so glaubt sie damit schon viel gethan zu haben, wenn ihr auch die neue Technik 
Ersparnisse an Kosten von 410—80 Prozent brachte; 2. sagt sie: ich bringe eine Ware, 
die pro Centner 30 kostet, nach einem Orte, wo sie 90 wert ist; ich leiste ihr also 
inen Dienst, der 60 wert ist, warum soll ich nicht wenigstens 50—559 nehmen, ob 
mich das nun 5 oder 40 oder 50 kostet; die Transportanslalt sucht auf den Verkehr 
ju schlagen, was er nur irgend tragen kann. 
Händler und Publikum, welche die Anstalt benutzen, sagen umgekehrt zu dieser: 
t. du darfst höchstens nehmen, was dich der Transporidienst Pbs kostet nebst einem 
billigen Gewinn; du sollst nicht nehmen, was du kannst, nicht den zehnfachen Gewinn 
wie andere Geschäfte machen; sie sagen 2. zur Eisenbahn: du bist privilegiert, hast 
oon Staat und Gemeinschaft alle möglichen Vorteile (Erpropriation, Polizeirecht, 
Monopolrecht), also bist du verpflichtet, alle deine Tarife im wirtschaftspolitischen 
Besamtinteresse, nach gewiffen ethischen, Gerechtigkeitss und anderen höheren Gesichts- 
vunkten zu ordnen, soweit du es kannst, soweit du dabei noch auf deine Kosten kommst. 
Mit diesen vier Gruppen von Motiven ist die Skala der Preisbestimmungsgründe 
erschöpft. Sie kümpfen, wo freie Preisgestaltung noch vorhanden ist, wie im Sar und 
Flußverkehr, in ähnlicher Weise wie Angebot und Nachfrage auf dem Warenmarkte 
niteinander, immer freilich sehr beeinflußt durch die öffentliche Diskussion. An vielen 
Siellen wird auch der Kleinverkehr amtlichen Tarifen unterworfen, wie der Droschken— 
rr in den Städten, der Pferdebahnverkehr. In den meisten Gebieten des inländischen 
roßverkehrs aber, im Poft-⸗ Eisenbahn- Telegraphenwesen, bekämpfen sich die er—⸗ 
wähnten Tendenzen und Motive in den öffentlichen Diskussionen über die Tarife; fie
	        
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