134 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [892
nützen kann. Ob in Deutschland der mäßige Wohlstand und die Zuckerpreise oder die
jesten Konsumgewohnheiten die Ursache des geringeren Konsums als in der Schweiz,
England u. s. w. sind, wage ich nicht zu entscheiden.
Ebenso wichtig aber für die menschliche Ernährung wurde der zunehmende Ge—
brauch von Olen und Butter, die Heranziehung von immer mehr Gemüse-, Obst-,
Salatarten und ihre feinere Zubereitung — 1500 kannte man in Paris 6, 1860
50 Kohlsorten —, dann der Gebrauch von Thee, Kaffee, Kakao sowie von besser zu—
bereiteten alkoholischen Getränken, hauptsächlich Wein, Bier und Branntwein. Der
Gebrauch von Theewasser ist in China Jahrtausende alt; wo das Quellwasser, wie in
Niederungsländern, häufig nicht recht trinkbar ist, war seine Ersetzung durch das Thee—
wasser besonders angezeigt; in Europa hat der Thee sich langsam im 17. und 18. Jahr—
hundert hauptsächlich in Holland und England verbreitet; der Thee belebt, ohne zu
berauschen. Das Pfund kostete im 17. Jahrhundert 13/2—38 Pfd. Sterling, jetzt ist
es auf 1 Schilling gesunken; man verbrauchte in Großbritanien 1766 6 Mill. Pfund,
1801 24, 1848 78, 1888/90 166, 1906 240 Miil. Pfund; pro Kopf 18901 98
2,5 Kilogramm, während damals der Verbrauch in Australien 8,3, in den Vereinigten
Staaten 0,6, in den Niederlanden 0,5 war, in allen anderen wichtigeren Ländern auf
einige Gramme (20— 40) herabsinkt, vielfach hier durch Kaffee und Kakao ersetzt ist.
Der Kaffee stammt aus Abessinien und dem Sudan, der Kakao aus Mexiko; beide
wurden im 17. Jahrhundert in Europa als Arzneimittel, im 18. als Leckerbissen, im
19. als Nahrungs- und Genußmittel heimisch. Der Kaffeeverbrauch ist in Deutschland
von 1835—1890 von 1 auf 2,8 Kilogramm pro Kopf gestiegen, in einigen Ländern
reicht er bis auf 3—55 Kilogramm; er ist mit seinen Surrogaten vielfach selbst für die
Armsten das Genußmittel, das eine kümmerliche Brot-, Kartoffel- und Mehlernaährung
erträglich macht.
Fruchtsäfte und Getränke, die durch Gärung hergestellt, Alkohol enthielten, be—
lebten, die Sorgen verscheuchten und berauschten, hat der Mensch feit Urzeiten gekannt
und geliebt; aber die bessere Herstellung und Erhaltung solcher Getränke, sowie ihre
Verbilligung ist ihm erst bei relativ höherer Kultur gelungen. Der Weinbau verbreitete
fich im Altertum vom Südrande des Kaspischen Meeres über Syrien nach den Mittel—
meerländern, von da später nach Frankreich und dem Rhein. Diese Gebiete sind bis
heute die Hauptweinländer geblieben, wo man (1886 — 1890) 50 -1185 Liter Wein jährlich
auf den Kopf verzehrt, während selbst in Osterreich-Ungarn nur 22, in Deutschland 6,7,
in Rußland 8,8, in Großbritannien 1,7 Liter auf die Person getrunken werden. Hehn
sagt mit Recht, dem Siegeszug des Weinbaues um den ganzen Kreis der antiken Welt
sei kein ähnlicher in der neueren gefolgt, denn der Weinbau Amerikas und Südafrikas
will nicht viel besagen. Die Bierbereitung aus Gerstenmalz und Hopfen konnte sich
leichter ausdehnen; das Bier, ein uraltes Hausprodukt in unvollkommener Herstellung,
wurde vor allem in unseren Tagen ein vollendetes technisches Kunstprodukt großer
Unternehmungen und das Lieblingsgetränk der Länder ohne Wein. Es ist das Getränk,
das neben der belebenden eine ernährende Wirkung hat, aber den Trinker auch schwer—⸗
fällig und dick macht. Der Bierverbrauch stieg in Deutschland im 19. Jahrhundert von
wenigen Litern pro Kopf jährlich auf über 100, in den Vereinigten Staaten von 6 auf
58 (1849 - 1801), selbst in Frankreich (1880 - 1891) von 10 auf 22; in Großbritannien
steht er auf 1386, in Belgien auf 177, in Dänemark auf 108 Liter, während er in den
jüdlichen Lündern wie Spanien und Italien nur 12 ausmacht.
Der eigentliche Branntwein, der 30—60 Prozent reinen Alkohol enthält, während
der Wein 8–20, das Bier 1210 Prozent besitzt, war dem Altertum unbekannt. Seit
dem 12. und 18. Jahrhundert als Medikament hergestellt, als Lebenswafser gepriesen,
von Sanguinikern als Hülfe gegen jedes Übel gelobt, blieben die seinen aus Wein und
Früchten, dann auch die aus Getreide hergestellten Sorten bis in unser Jahrhundert
ein Vorrecht der oberen Klassen. Erst als die heutige Industrie aus Kartoffeln und
allen möglichen anderen Stoffen ihn billig herzustellen lernte, wurde er ein weit ver—
breitetes Genußmittel gerade auch der Armen, denen er auf einige Stunden bei schlechter