599)] Die Nachfrage der verschiedenen socialen Klassen. 141
gemeines Bedürfnis, was einstens Luxus der Reichen war. Die letzte Entscheidung
wird in jedem Stande immer erfolgen durch die Erwägung: was kostet das Unent—
behrliche, was bleibt für das Entbehrliche übrig; wie ist das einzelne begehrte Gut
nach seinen Kosten in die größeren oder kleineren Mittel des Budgets einzufügen.
Derjenige, welcher sich in mittlerer wirtschaftlicher Lage besindet, kann sich die
notwendigsten, gewöhnlichen Güter im ganzen verschaffen; er wird, sofern er kein Geiz—
halz oder Sonderling ist, sie bis zur vollen Befriedigung erwerben, unter Umständen
so weit, daß der Grenznutzen des einzelnen Gutes für ihn sich dem Nullpunkt nähert;
für alle Zwecke und Bedürfnisse höherer, überflüssiger Art aber wird er schon zu Entsagungen
schreiten müssen; er kann oft nicht so wohnen, nicht so reisen, für seine und der Seinen
Gesundheit nicht so sorgen, seine Kinder nicht so erziehen, wie er möchte. Hier wird
er häufig da abbrechen müssen, wo der Grenznutzen noch hoch steht. Seine Nachfrage
wird sich dementsprechend abstufen.
Der Arme, und nicht bloß er, sondern die Mehrzahl der Arbeiter und der kleinen
Leute wird selbst für das Notwendigste nicht so kauffäͤhig sein, wie es für ihn wünschens⸗
wert wäre; manche werden sich je nach den Verhältnissen mit schlechter Nahrung,
Kleidung, Wohnung zufrieden geben; die sogenannte Unterkonsumtion ist der typische
Zustand auch heute noch für breite Schichten; die höheren Bedürfnisse kennen sie teilweise
noch gar nicht; soweit sie sie kennen, müssen sie fie teils unterdrücken, teils können sie sie
nur ganz kümmerlich befriedigen. Ein nicht unbedeutender Teil der Völker Westeuropas
lebt unter diesem Drucke, in dieser Enge; ihre Nachfrage ist dementsprechend. In
Italien pflegt man zu sagen, selbst nach schlechter Ernte steige der Weizen und der
Mais nicht im Preis, weun nicht die Olivenernte gut war und den Armen Beschäf⸗
tigung und damit Kaufkraft giebt. In Ländern mit weitgehender Armenpflege treten
deren Mittel teilweise ergänzend zur eigenen Nachfrage der Armen hinzu.
Umgekehrt die Reichen; sie befriedigen alle notwendigen Bedürfnisse reichlich; aber
auch für das Überflüssige sind ihre Mittel groß, um so größer, je reicher sie sind. Für
ein Gemälde Rafaels giebt es, wenn es verkauft wird, vielleicht nur 6—15 Bewerber
auf der Erde, aber jeder ist bereit, Hunderttausende für das Bild zu geben. Man hat
gesagt, die Nachfrage der Gesellschast hätten wir uns deshalb unter dem Bild einer
socialen Pyramide vorzustellen, die unten zahllose, dann auf jeder folgenden Stufe immer
weniger Personen umfasse; aber mit der Abnahme der begehrenden Menschen nehme
nicht ebenso ihre Kaufkraft ab, sfondern wachse nun im umgekehrten Verhältnis zur
kleinen Personenzahl; die geringere Zahl der Begehrenden werde in den höheren Quer—
linien der Pyramide ausgeglichen durch das größere Einkommen, es entstehe so eine um—
gekehrte Pyramide. So komme es, daß je ungleicher das Einkommen verteilt sei, ein
desto größerer Teil der Produktion der weniger notwendigen, ja der Luxuskonfumtion
der Reichen diene.
Mulhall hat versucht, nach ungefähren Schätzungszahlen für eine Reihe von
Staaten pro 1880 — 1882 ein Bild davon zu entwersen, was vom Volkseinkommen auf
die Ernährung verwendet werde, was für alle anderen Zwecke übrig bleibe; er will
damit die verschiedene Wohlhabenheit der Staaten charakterisieren. So angreifbar die
Zahlen sind, wir führen sie, auf deutsches Geld umgerechnet, doch an.
Vereinigtes Königreich
Frankreich
deutschland . 1
ußlaund
sterreich Ungarn
Jtalien 3
Vereinigte Stagienen,
Mirtcn *
Man gal auf
für die
gesamte Ernährunq
9
740
8 800
19220
20
3780
166680
Marf
Das Gesamt—
einkommen
war
24 940
19 800
17 900
16 960
12 040
6 900
28400
In Prozenten der
Einnahme fiel auf die
* auf alles
Ernähruno brige
o3 62.,2
40,1 599
518 482
60,1 39,9
531 46,9
540 46,0
37546 624
Die Ausgabe
für alles
übrige betrug
pro Kopi
in Mf.
420
300
180
80
144
120
340