s01]
Die Nachfrage und die Haushaltsbudgets. 148
habenden, also auf mehr als das achtzehnfache, während die Nahrungsausgabe
dieser zwei Budgets sich nur wie 1: 5 stellt. Denkt man vollends an die mehrfachen
Wohnungen und Schlösser der Millionäre, so sieht man, wie in diesen Bedürfnissen die
Ausgaben lawinenartig ansteigen können.
Immer ist der AUnterschied nicht so groß wie bei den Ausgaben für alle übrigen
höheren Zwecke; sie steigen von 11 auf 690/0 in der Cheyssonschen, von 10 auf 4700
in der Hampkeschen Tabelle; die absolute Verschiedenheit in letzterer ist 107 und 8105 Mark
zwischen dem Armen und dem Wohlhabenden, also 1: 80. In der Mulhallschen Tabelle
gibt die ärmste Nation pro Kopf 120, die reichste 420 Mark für alles übrige außer
der Nahrung aus. Auf diesem Gebiete liegen eben die Hauptausgaben und der große
Begehr der Reichen: ihre Reisen, ihre Geselligkeit, ihre Feste, ihre Kunstgenüsse und
⸗einkäufe, ihre Pfexdestaäͤlle und ihr Sport, auch die Erziehungskosten, die Bedienung,
die konsultierten Arzte steigern ihre Ausgaben in die Tausende und Hunderttausende,
ohne daß sie viel mehr essen, viel mehr Kleider tragen könnten als die in mittlerer
Lebenslage Befindlichen.
Mag dieser Überblick über den Stand unserer empirischen Kenntnis des wirt—
schaftlichen Begehrs und der Nachfrage auch noch recht unvollkommen sein, er zeigt uns
doch die allgemeinen Ursachen derselben, ihre Grenzen und Entwickelungstendenzen.
Er klärt uns doch wohl besser über die Nachfrage auf, als wenn wir mit Böhm-Bawerk
sfagen: „Kleider werden immer in größerer Menge begehrt als Sanskritgrammatiken,
Brot und Fleisch, die man täglich bedarf, in größerer Menge als Federmesser, die ein
paar Jahre dauern.“
Wir sehen, daß ein erheblicher Teil der Nachfrage bei den Kulturvölkern seit sehr
langer Zeit stabil ist, nur zeitweise durch mangelnden Wohlstand, zu hohen Preis der
Guter, der Mieten ⁊c. zurückgeht; wir bemerken daneben eine mit dem Wohlstand,
der verbesserten technischen Produktion, dem zunehmenden Handel wachfende Nachfrage;
sie liegt in der Verfeinerung der Ernährung, in allen übrigen höheren Gebieten der
Bedürfnisse. J
Die langsamen Anderungen, seien es Verbesserungen oder Verschlechterungen, fixieren
sich in Sitte und Gewohnheit; alle Nervenreize, alles Gefühlsleben, passen sich einem
gewissen Stand der technisch-wirtschaftlichen Möglichkeit der Bedürfnisbefriedigung an;
es entsteht so die feststehende Lebenshaltung; sie ist um so fester, je höher der Mensch
sleht, je reicher er ist; fester auf den Gebieten der notwendigen Konsumtion als
r dem der anderen hohen Bedürfnisse, die leichter und öiter einer Anderung unter—
iegen.
Neben der im ganzen vorhandenen Einheit der nationalen Konsumtionsgewohn—-
heiten steht die klassenmäßige und individuelle Verschiedenheit; letztere wird aber, je
höher Kultur und Wohlstand steht, als eine harte empfunden. Die Nachahmung, die
gegenseitige Berührung sucht immer, sie bis auf einen gewissen Grad zu überwinden.
Die Einkommensverschiedenheit set aber diesem Drange unübersteigbare Grenzen.
178. Die Analyse der RNachfrage: ihre Schwankungen im einzelnen.
Haben wir in der bisherigen Untersuchnng angenommen, die Nachfrage sei eine im
großen und ganzen konstante, durch die Macht der Gewohnheit fixierte, nur langsam
sich mit der Anderung der wirtschaftlichen Lebensbedingungen, der ganzen Kultur und
Sitte sich ändernde, so schließt die Wahrheit dieser Annahme es doch nicht aus, daß
fie fortwaͤhrend von Tag zu Tag, von Monat zu Monat kleinen Schwankungen unter⸗
worfen sei. Dieselben zeigen sich ebenso bei stabilen wie bei sich ändernden Zuständen.
Der Kaffeekonsum stieg in den Vereinigten Staaten pro Kopf 187151895 von 6-27
auf 8—Hu/ Pfund, aber mit jährlichen Schwankungen von 32—1 Pfund; der Durch—
schnittsverbrauch an Roggen war in den preußischen Städten 1838 —1861 ziemlich
lonstant 226 —-280 Pfund, aber er sank doch in einem Jahre auf 181, stieg in anderen
auf 260 - 264.
wiß Die Ursachen dieser wechselnden Nachfrage sind nun ziemlich verschieden. Teil—
eise handelt es sich mehr um einen Wechsel der begehrten Waren bei ähnlicher wirt—