303) Der Zusammenhang zwischen Preishöhe und Umfang der Nachfrage. 1458
nicht. Aber auch das wirkt indirekt auf die Nachfrage, vor allem auf die nach Arbeits—
cräften, zurück.
Hiermit hängt nun eine viel erörterte Erscheinung zusammen, die man häufig so
formuliert hat, daß die Größe des Angebots oder ihre Folge, der hohe oder niedere
Preis, die Nachfrage selbst zu beeinflussen vermöge; daß der steigende Preis die Nach—
rage einschränke, der sinkende sie hebe. In der Schulsprache der Grenznutzentheoretiker
vürde man sagen: großes Angebot läßt den Grenznutzen bis zum Unnoͤtigen sinken,
kleines hebt ihn, d. h. macht ihn vom dringlichsten Bedürfnis abhängig. Dieser Satz
sst in solcher Allgemeinheit nun nicht wahr; für alle ganz notwendigen Güter bleibt
dei einem halbwegs wohlhabenden Volke der Konsum doch in guten und schlechten
Jahren ein ähnlicher: z. B. Brot, Salz, die einfachsten Kleidungsstücke schwanken bei
uns in ihrem Verbrauch sehr wenig; das billigste Brot macht nicht, daß noch mal so
viel, das teure nicht, daß nur die Hälfte verzehrt werde. Freilich ist auch hier die
Stabilität von der Wohlhabenheit bedingt. In Paris ist seit lange der Brotkonsum
ijast unveränderlich, in Berlin hat der Getreidekonsum 1888 —1892 immer noch zwischen
180 und 170 Kilogramm pro Kopf jährlich geschwankt, wurde je nach den Jahren durch
mehr oder weniger Kartoffel, Gemüse, Fische ergänzt. Der Fleischverbrauch schwankt je
nach Preisen und Jahren überall etwas mehr als der Getreideverbrauch, noch viel
nehr aber der Zucker⸗, Kaffee- und Getränkeverbrauch.
Wenn Gregory King schon vor zwei Jahrhunderten sagte, bei einem Ernteausfall
von 100/0 steige der Preis um 80, bei einem folchen von 2009/0 um 80, bei einem
von 30 um 1600/0, und Engel noch Mitte des 19. Jahrhunderts berechnete, daß nach
den Marktpreisen in Preußen ein Sinken der Ernte um 10/0 ein Steigen der Preise
um 2!/30/0, ein Steigen der Ernte um 10/0 ein Fallen der Preise um 10 erzeuge,
so beruht das auf der relativ stabilen Nachfrage, auf der Thatsache, daß in Überschuß—
jahren die Billigkeit nur sehr geringen Mehrkonsum, in Deficitjahren die Teuerung nur
zeringe Verminderung der realen Nachfrage erzeugt; in teuren Jahren wächst bei den
meisten Menschen die Notwendigkeit, immer größere Mittel für die Ernährung zu ver—
wenden. Die sekundäre Folge ist, daß der für andere Zwecke verfügbare Teil des Ein—
kommens in entgegengesetztem Sinne schwankt, also bei billigen Brotpreisen der Ver—
»rauch von Kolonialwaren, Fleisch, besseren Kleiderstoffen wächst, bei teuren abnimmt.
Notwendige wirtschaftliche Güter haben deshalb, d. h. wegen der Stabilität der
Nachfrage schwankendere Preise, als überflüssige, deren Verbrauch sich leicht ausdehnt
and einschränkt. Bei diesen bewirkt leicht der steigende Preis eine Abnahme der Nach—
frage, der sinkende eine Vermehrung der nachfragenden Versonen und der Mittel, mit
denen sie begehren.
Daher der gewöhnliche vorhin schon erwähnte Satz: Preisverbilligung vermehrt
die Nachfrage, Verteurung schränkt sie ein. Er gilt nur für bestimmte Waren und
deistungen und nur in dem Umfang, wie körperliche Gewöhnung, Sitte, Wohlhabenheit
und Lebensverhältnisse noch nicht zu einer Fixierung des Bedarfss geführt haben; er gilt
da, wo ein stärkeres Schwanken erträglich ist, wo für bestimmte Fälle eine starke Zu—
nahme des Verbrauchs gleichsam in der natürlichen Lebensbahn der Betreffenden liegt.
Auch für die Wirkung der indirekten Steuern und der Post- und Eisenbahntarife auf die
Preise ist das wichtig. Wenn man Briefe um den halben Preis befördert, so kann ihre
Zahl sehr zunehmen, falls bisher das keuere Porto ein Hindernis war; aber unter
Umständen bleibt ihre Zahl dieselbe, und die Posteinnahmen sinken dann, weil nicht
in billigem Porto, sondern in ganz anderen Ursachen für die Mehrzahl der Menschen
das Motiv zum Briefsschreiben liegt. Als in den Vereinigten Staaten das Pfund
Zucker von 428 Cents auf 2,0 fiel nahm der Konsum von ellichen 40 auf 526 Pfund
zu; bei uns aber in Deutschland haben die tiefsten jeweiligen Zuckerpreise den Ver—
brauch nicht so gesteigert wie anderwärts, wohl doch, weil wir bisher weder so viel
Thee trinken noch Zuckerwaren essen mochten. Die Steigerung des englischen Thee⸗
sonsums im großen folgte allerdings dem Sinken des Preises, wie es durch Herab⸗
Schmolber, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. II. 1.-6. Aufl. *