Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

150 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. 608 
als Unternehmer für den Markt produziert, fragt, ob der erzielte Preis den Kosten, 
d. h. dem Aufwand an Produktionsmitteln und -kräften entspreche. Er rechnet dazu 
jedenfalls feine Arbeit und alle seine Auslagen, sofern sie dem Produktionsvorgang 
gewidmet waren. Das find nun aber stets eine Summe von Aufwendungen, die nur 
durch ihren Geldwert, ihren Preis auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen sind, die 
im übrigen unvergleichbar nebeneinander stehen. Der Geldpreis dieser Elemente erschien 
nun aber dem älteren Forscher, der tiefer eindringen wollte, als etwas Äußerliches, oft 
Zufälliges; er wollte die letzten Ursachen ergründen, und wie es stets bei der wissen— 
schaftlichen Anfangsbetrachtung geht, er wollte sie nicht in ihrer Kompliziertheit und 
Verschiedenheit, sondern in einer einfachen Formel erfassen. Also fagten die Physiokraten, 
die Produktionskosten bestehen aus verzehrten Lebensmitteln; die Theoretiker, welche Natur, 
Arbeit und Kapital als Produktionsfaktoren hinstellten, sagten: sie setzen sich zusammen 
aus der Vergütung für Naturbenutzung (Grundrente), für die Arbeit (Arbeitslohn) und 
für das Kapital (Gewinn und Zins). Das schien aber wieder nicht einfach genug, man 
konnte das Kapital als frühere Arbeit auffassen und so die Vergütung für Arbeit und 
Kapital unter den einen Begriff der aufgewendeten Arbeit bringen und zugleich die 
Grundrente dadurch in gewissem Sinne ausscheiden, daß man sie für einen Ausnahme— 
all erklärte. Auf diesen Standpunkt stellten sich Ricardo und seine nächsten Nachfolger. 
Von da war es dann nur noch ein kleiner Schritt zu dem Standpunkt, der alles 
andere beiseite lassend oder als gleichgültige Ausnahme erklärend, die gesamten Pro— 
duktionskosten in Arbeitsquantitäten auflösen will. Marx und Rodbertus vollzogen 
ihn. Er hatte so viel Verführerisches, er brachte scheinbar allein und kurzer Hand Ein— 
fachheit und Klarheit in das Gewirre der Produktionskostenerscheinungen. Er schmeichelte 
dem demokratischen Zug der Zeit, der alle höhere Arbeit gern in einfache Handarbeits— 
stunden umsetzte. Gegenüber den scheinbar zufälligen Preisen der Produktionskosten— 
elemente, die als privatwirtschaftliche Erscheinung beiseite gelassen waren, schien man so 
eine volkswirtschaftliche, absolute, objektive Erklärung zu haben. Es waren auch leicht 
aus dem praktischen Leben viele vergleichbare Einzelfälle vorzuführen, in welchen offen— 
bar die Verdoppelung der Arbeit Verdoppelung des Wertes erzeugte. 
Man übersah nur, daß auch sehr viele Beispiele vom Gegenteil anzuführen waren; 
nicht bloß der größere Diamant ist hundertmal mehr wert, als der kleine, obwohl 
beide dieselbe oder ähnliche Arbeit gekoster, nicht bloß von zwei Sängerinnen, welche 
gleiche Bildung erhalten und gleiche Anstrengung machen, verdient eine durch Unterricht 
aim Abend fünf Mark, die andere durch ein Konzert tausend; — nein, fast von allen 
Waren derselben Art, die auf den Markt kommen und hier für dasselbe Geld pro 
100 Kilo verkauft werden, ist der eine Teil mit mehr, der andere mit weniger Arbeit, 
mit mehr und mit weniger Kosten erzeugt. Und das Stückfaß Wein, das gleich nach 
der Weinlese 1000 Mark kostet, wird vielleicht nach fünf Jahren mit 5— 10000 Mark 
bezahlt, obwohl für nicht mehr als 30—500 Mark Arbeit in der Zwischenzeit darauf 
berwendet wurde. 
Wir mögen die Produktionskosten, wie wir wollen, näher untersuchen, wir kommen 
immer wieder zu dem Schluß, daß sie sich in Quantitäten Arbeit, Arbeitszeit, gesell— 
schaftlich notwendiger Arbeit oder wie wir es sormulieren mögen, nicht restlos auflösen 
lassen, daß andere Ursachen mitspielen, und daß zuletzt ein anderer gemeinsamer Nenner 
für dieselben nicht gefunden werden könne als der Geldwert. Es hat niemand auch 
nur einen Schein von Beweis dafür vorbringen können, daß im Denken, Rechnen und 
Handeln der wirtschaftenden Menschen je Arbeitsquantitäten schlechtweg das Ausschlag-⸗ 
gebende gewesen wären; es waren stets Wertgrößen in vergleichbarer Ware oder in 
Geld ausgedrückt, Preise, welche der Unternehmer bezahlt und bucht. Jeder Unter— 
nehmer hat sich bei der Einfügung jedes Produktionsgutes und ⸗elementes zu fragen, 
was ist es anderweitig wert? Wie kann ich es etwa sonst verwerten? Er wird es 
ür diese bestimmte Produktion benutzen, wenn er hoffen kann, den Geldwert, mit dem 
er das Produktionselement in seine Kostenrechnung aufnimmt, im Reinertrag wenigstens 
ersetzt, womöqglich noch mit einem Gewinn verauütet zu erhalten. Alle Ursachen,. die
	        
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