356 Fünfundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
bildung sterreichs; und ruhmreich herrscht in ihm seit den
Tagen der Staufer das alte Geschlecht der Wittelsbacher, aufs
engfte mit dem Volke verwachsen. So war schon die öffent⸗
liche Meinung dem Einheitsgedanken nicht so günstig wie
anderswo auf deutschem Boden; der weit verbreitete, wenn
auch politisch erst im Auswachsen begriffene Klerikalismus
widerstrebte ihm mindestens in anderer als großdeutscher Ge—
ftalt: nur im Rausche der Siegesbegeisterung, noch während
des Krieges, durfte man mit Bestimmtheit hoffen, ihn zu
meistern. Auf dem Throne Bayerns aber saß ein Fürst schon
damals wunderlicher Lebenshaltung und sicherlich nicht normaler
Anlage, Ludwig II. Würde es gelingen, seinem hochfahrenden
Sinn, seiner übertriebenen Vorstellung von jeder fürstlichen,
hor allem aber seiner eigenen Würde den Entschluß oder
wenigstens die Zustimmung zur Unterordnung unter eine Bundes⸗
organisation welcher Art auch immer zu entreißen?
Was aber die Entwicklung der konkreten Einheit in ähn—
licher Weise erschwerte wie der teilweise widerstrebende Wille
der Fürsten, das war die Tatsache, daß die Kreise, Gruppen
und Personen, die der Einheit in Deutschland überhaupt be—
wußt und unter deutlicheren Vorstellungen zustrebten, unter sich
keineswegs einig waren. Da wollten Demokraten und aus—
gesprochene Liberale eine Einheit von Volkes Gnaden und trafen
sich in diesem Gedanken teilweise mit den persönlichen Neigungen
des preußischen Kronprinzen, insofern dieser die Herrschaft der
kleineren Fürsten in einem Sturm der Vereinigung ihrem realen
Inhalte nach am liebsten beseitigt hätte. Und da widerstrebten
die Konservativen ganz allgemein einer deutschen Bundesbildung
von unten her; und erhofften in Preußen, soweit sie dem
Einheitsgedanken überhaupt näher traten, unter einem durchaus
legitimistischen Ausgange am ehesten etwas wie eine starke Er⸗
weiterung des preußischen und das hieß ihnen zum Teil ihres
eigenen Einflusses auf Deutschland. Und König Wilhelm stand
dieser Auffassung in gewisser Hinsicht nicht mehr so fern, als
das vielleicht 1866 oder gar 1860 der Fall gewesen wäre: er
fühlte sich an erster Stelle denn doch als König von Preußen,