64 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. 622
etwa so zusammenfafsen lassen. Über das Altertum sind wir so schlecht unterrichtet,
daß wir uͤber begründete Vermutungen nicht hinauskommen. Wir werden auf Grund
der Untersuchungen von Böckh, Letronne, Peschel, Rodbertus und anderen es für wahr—
scheinlich erklären können, daß der Geldwert damals im allgemeinen wesentlich höher
stand als in den neueren Zeiten, und daß er örklich und zeitlich größeren Schwankungen
unterlag; er wird in Italien und Rom in der letzten Zeit der Republik und bis auf
Nero gefallen, von da an wieder gestiegen sein, weil die Edelmetallproduktion und die
Ausbeutung der Provinzen nachließ. Die Produktion war im Altertum ungleich teuerer
als in den neueren Zeiten; das Bedürfnis nach Schmuck, nach Schatz- und Zahlmitteln
aber war relativ groß; die heutige Ergänzung durch den Kredit fehlte. Ein Steigen
des Geldwertes und Sinken der Preise können wir bis ins 8.-9. Jahrhundert für
Europa annehmen; Streit ist über das Maß und die Stadien des Verlaufes.
Die Behauptungen Guérards und Lebers, daß im 8.—9. Jahrhundert der Geldwert
der 7—10 fache des heutigen, ebenso oder noch mehr die von Michel Chevalier, Levasseur
ind anderen, daß er noch 1500 der 6—10fache gewesen, gehen ohne Zweifel zu weit.
Soetbeer nimmt für die karolingische Zeit den KSfachen Wert von 1780-1800 an.
Das Ergebnis der Studien von Rogers und Mantellier geht dahin, daß die Preise von
1750 -1850 gegen die von 1256— 1400 auf etwa das Dreifache gestiegen seien. Helferich
und Wiebe haben ziemlich sicher bewiesen, daß die europäischen Preise von 14150 -1650
infolge des amerikanischen Silbers und anderer Umstände um 100-150 Prozent stiegen.
D'Avenel glaubt neuerdings folgende Tabelle der Kaufkraft des Geldes für Frankreich
aufstellen zu können; wenn die von 1890 — 1 gesetzt wird, so war die Kaufkraft der⸗
ielben Summe Geldes;“
201 - 25
226-1300
301 - 50
351- 75
876- 1400
401 - 29
430 - 1450
7
451-1500 651- 75 33
501 - 25 676 - 1700 2338
526 -50 701 - 25 275
551- 75 726 -50 — —43
576 - 1600 .. 2 1751- 75 ... 2333
1601 - 25 3 1775 - 1790. .. 2,00
1626—50 2,50 1890
Ich vermag die Tabelle nicht im einzelnen zu prüfen; schief ist jedenfalls die
Vergleichung der Preise eines Jahres (1890) mit langen Epochen; wäre 1800 - 90
— ! gesetzt, so würden alle früheren Zahlen niedriger sein. Lehrreich aber sind neben
den großen die kleineren älteren Schwankungen; beide werden durch andere Unter—
fsuchungen im ganzen bestätigt, hauptsächlich das Sinken aller Preise im 15. Jahr⸗
hundert, das in England und Beutschland ein ähnliches war: ebenso die billige Zeit
1726 - 50.
Von 1770—1815 stiegen die Preise so ziemlich in ganz Westeuropa, fielen dann
wieder 1815—80, um nochmal von 1830—75 etwa im Betrag von 20—30 Prozent
zu steigen, 1875 —51900 wieder etwa ebenso stark zu fallen. Je nachdem man die
Durchschnitte 3-, 10-, 20- oder 28 jährig macht, nur wenige oder viele Waren, nur
Broßhandelspreise oder auch Löhne, Mieten, Detailpreise einbegreift, je nachdem man
eine Zeit hoher oder niedriger Preise als Ausgangspunkt gleich 100 setzt, nehmen sich
die Resultate recht verschieden aus. Am bekanntesten sind die englischen Tabellen des
Ekonomist (22 Warengattungen) und von Sauerbeck (45), sowie die Hamburger
Preislisten, welche Laspeyres, Soetbeer und Conrad bearbeiteten. Die Ekonomisttabelle
jeigt folgende Wandlung: 1847 —580 —100, 1873 — 138, 1879 — 100, 1896 * 90,8
i980 — 575. Setzt man wie Sauerbeck die Preise der großen Hausseperiode 1868
bis 1877 — 100, so stellen sich die Preise von 1886 —95 auf 68, die von 1890 -99
auf 66, die von 1900 auf 78. Legt man die anormal tiefen Preise von 1821-30
— 100 zu Grunde, so stehen auch“ die von 189198 noch über, 100, 3. B. die
preußischen Roggenpreise noch 125. Setzt man mit Conrad die Hamburger Preise von
1847 -61 — 100, so waren fie 1871.80 — 105, 1881 88 — 85, 1886- 900 * 70,
—1891 -95 —71, 1899 — 67.