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Die geschichtlichen Wandlungen des Geldwertes. 165
Was wir so sicher feststellen können, sind die Preisbewegungen einzelner Waren
oder Warengruppen; was unsicher bleibt, ist, inwieweit sie für die Stellvertreter aller
Preise gelten können, und inwieweit wir Geld- oder Warenwertsänderungen vor uns haben.
Es wird von den seit 1200 angeführten erheblichen Preisänderungen keine sein, wobei
nicht die Veränderungen in Produktions- und Transportkosten, in Nachfrage und An⸗
gebot der wichtigsten einbezogenen Artikel einen kleineren oder größeren Teil der Ur—
sachen ausmachen, so daß ihre bloße Bezeichnung als Geldwertsänderung immer
möglicherweise eine Übertreibung einschließt. Die billigen Preise 1726 —50 gehen wahr—
scheinlich zu einem erheblichen Teil auf eine Reihe überreicher Ernten, die hohen 1770
bis 1816 ebenso auf die Kriegsjahre, das Steigen 1880 —78 auf den beispiellosen Geschäfts⸗—
aufschwung, das Fallen 1875—1900 wahrscheinlich überwiegend oder zu einem großen
Teile auf die technischen und Verkehrsfortschritte, die so viele Produktionszweige zu
einer übermäßigen Ausdehnung veranlaßten, zurück. Man wird im Anschluß an unsere
Ausführungen über die Wirkungsart von Angebot und Nachfrage und über den Einfluß
nassenpsychologischer Elemente auch annehmen können, daß gleiche Vermehrung oder
Verminderung des Geld- und Münzvorrats relativ verschiedene Wirkungen haben können,
je nachdem das bestehende allgemeine Preisniveau sich zäher behauptet oder nicht, je
nachdem allgemein optimistische oder pesfimistische Geschäftsstimmungen mitwirken. Von
1815—40 war die Lage der europäischen Volkswirtschaften eher einem Sinken, 1850
bis 1878 eher einem Steigen der Preise günstig. Die Produktion an Edelmetall, das
Angebot an Geld kam beiden Bewegungen entsprechend entgegen; das Steigen wäre
1880 —78 ohne das wachsende Angebot wahrscheinlich nicht in dem Maße eingetreten.
Es wären bei der großartigen Zunahme des Verkehrs ohne die wachsende Geld- und
Silberproduktion wahrscheinlich große Verlegenheiten entstanden, obwohl der Kredit in
vieler Beziehung hätte helfen können.
Won 1875-1900 hat ja nun die Silberproduktion noch enorm zugenommen,
die Goldproduktion hat sich bis 1888 etwas eingeschränkt, ist dann aber wieder bis
1899 sehr stark gewachsen. Die niedrigen Preise von 1875—95 werden nun von
bielen, hauptsächlich den Bimetallisten (wie wir S. 90 jahen) auf den Umstand zurück—
geführt, daß das Silber in den Hauptkulturstaaten ganz oder teilweise demonetisiert
worden sei. Vielleicht wäre bei breiterer Erhaltung der Silberwährung in den Kultur—
ländern das Sinken der Preise ein etwas geringeres gewesen. Wie viel, wird niemand
jagen können. Jedenfalls hat es an Goldgeld und anderen Zahlmitteln nie in den
Kulturstaaten gefehlt. Das Wefsentliche war, daß wir 18785-95 in Europa und den
Vereinigten Staaten keine solche Haussekonjunkturen wie 18860 —75 und wiederholte
starke Ansätze einer Überproduktion erlebten. Von 1888—-98 verdoppelte sich die Gold⸗
produktion und hob die Preise doch nicht. Von 1895—99 erlebten wir einen Ge—
schäftsaufsfchwung wie 1834—57 oder 1868 —72, und das viel mehr als die vermehrte
Boldproduktion hob nun die Preise. Wenn die Sauerbeckschen Indexzahlen 1895
auf 62, 1900 auf 75 stehen, so sind daran in erster Linie die enormen Kohlen⸗ und
Eisenpreissteigerungen schuld, nicht der Geldwert.
Eirn erheblicher Teil der neueren dauernden Senkung der Preise, besonders der Lebens⸗
mittelpreise in den dichtbevölkerten Kulturstaaten, geht auf eine Preisausgleichung zwischen
dem Centrum und der Peripherie der Hauptmärkte, auf ein Verschwinden lokaler Geld—
wertsdifferenzen zurück, was Folge der verbesserten Verkehrsmittel ist. Die Preise
find in Westeuropa gesunken, in Osteuropa, Amerika, Australien und Indien entsprechend
gestiegen. Noch vor 50 Jahren hatte England einen viel höheren Geldwert als Nord—
deutschland, dieses als Süddeutschland, heute ist der Gegensatz fast verschwuuden. Kon—
denfierte Durchschnittspreise zum Beweis hiefür haben wir freilich noch weniger als
für die historischen Anderungen des Geldwertes überhaupt. Aber weunn z. B. der Weizen⸗
preis pro preußischen Scheffel in Silbergroschen in England und Preußen sich verhielt
17001750 wie 66 zu 40, 1820 -80 wie 112 zu 81 und 1861-70 schon wie 885
n 97, so sehen wir darin doch die Tendenz der Ausgleichung, die jetzt dahin gelangt
ist, daß die glischen Preise die niedrigeren sind. —