166 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. 624
o) Beurteilung des Geldwertes.“ Im ganzen können wir nach den vor—
stehenden Mitteilungen nun erst klar ermessen, daß und warum das Geld immer noch
iur alles praktische Geschäftsleben der befte Wertmesser sei. Obwohl weder der Zeit
nach stabil, noch in verschiedenen Ländern übereinstimmend, ist der Geldwert doch nur
so langsamen Verschiebungen unterworfen und erreicht zwischen Orten, die durch
lebendigen Verkehr verbunden sind, meist eine so weitgehende Annäherung feines
Niveaus, daß für die größte Zahl aller gewöhnlichen Geschäfte die Wertidentität an—
zunehmen nicht allzu falsch ist, daß jedenfalls eine Messung des Wertes an irgend einer
ndern Ware oder Leistung praktisch weniger richtig wäre. Die frühere Annahme, daß
der Wert eines Arbeitstages stabiler sein müsse, weil überall und jederzeit darin die
gleichen Unterhaltungskosten begriffen wären, war eine Hypothese der naturrechtlichen
Zeit, welche an die Gleichheit der Menschen glaubte. Wir wissen heute, wie verschieden
die Arbeitskraft und Leistung, die Art des Unterhaltes, die Lebensführung ist, wie die
dohnhöhe stieg, wie rasch diese Erscheinungen wechseln. Auch der Versuch, alle Werte
am Getreide zu messen, weil dieses stabiler im Wert sei als Geld, hat nur für gewifse
Verhältnisse seine Berechtigung. Gewiß kann bei stabiler Landwirtschaft und Bevölkerung,
bei unverandertem Verkehr einmal der Wert des Getreides Jahrhunderte stabil bleiben,
während der Geldwert sich ändert; in solchem Fall behält, wer 100 Scheffel Getreide
begieht, sicherer dieselbe wirtschaftliche Lage, als wer 600 Mark einnimmt. Auch ist
das richtig, daß, wenn ich Löhne naheliegender Zeiten und Länder vergleiche, ich neben
dem verschiedenen Geldlohn nach seiner Kaufkraft in Getreide als dem Hauptnahrungs⸗
mittel frage. Aber wo Landwirtschaft, Bevölkerung und Verkehr sich ändern, kann fehr
leicht auch bei wenig verändertem Geldwert der Wert des Getreides sich verdoppeln und
vervreifachen oder auch auf die Hälfte finken. Und es ist daher sicher falsch, beim Ver⸗
gleich sehr verschiedener Zeiten und Länder den Getreidewert für einen stabileren Wert—
messer als das Geld zu halten. Für die weiter auseinanderliegenden historischen und
geographischen Vergleiche wird man stets gut thun, neben den Geldpreisen Getreide und
andere Werte und Maßstäbe mit heranzuziehen. Für das praktische Leben und für die
Gegenwart, für benachbarte Länder genügt in der Regel das Geld.
Der Gedanke, daß es überhaupt ein wirtschaftliches Gut geben müsse, dessen Wert
absolut stabil sei, schließt folgerichtig den weiteren der Unveränderlichkeit der wirt—
schaftlichen Zustände in sich. Er ist die Negation des Entwickelungsgedankens. Nur
ganz gleiche Menschen, welche in ganz gleichen Verhältnissen lebten, könnten immer wieder
zu gleichen Werten kommen. Dann wäre aber nicht bloß ein Gut, sondern es wären alle
im Wert unveränderlich. Das heutige Zusammenwirken von Geld und kreditmäßigen
Zahlmitteln hat uns der relativen Wertstabilität des Tauschmittels genähert. Ob wir
darüber hinaus durch' staatliche Maßregeln der Geld-, Kredit- und Handelspolititk,
hauptsächlich durch systematische Vermehrung und Verminderung der Umlaufsmittel uns
diesem Ideal in Zukunft noch mehr werden nähern können, scheint mir eine offene Frage
zu sein, auf die heute noch keine ganz bestimmte und begründete wissenschaftliche Antwort
möglich ist. Ein Teil der Bimetallisten glaubt, durch ihre Vorschläge könne man
dieses Ideal erfüllen. Auch die Anhänger einer zukünftigen reinen Vapierwährung
hoffen auf Derartiges. —
c) Die Folgen jeder allgemeineren und dauernden Geldwerts- und Preis—
veraͤnderung sind die weittragendsten. Sie sind es vor allem dadurch, daß das Steigen
oder Fallen der Preise sich nicht auf einmal, sondern in jahrelangen kleinen Oseillationen
vollzieht. Dadurch werden alle wirtschaftlichen Spannungs- und Machtverhältnisse der
einzelnen Familien, Klafsen und Länder untereinander für längere Zeit verschoben.
Die einen gewinnen, die anderen verlieren. Man sagt nicht zu viel, wenn man be—
hauptet, jede bedeutende Geldwertsänderung gleiche einer großen Neuverteilung von
Bermögen und Einkommen, welche die einzelnen und die Klassen teils emporhebe, teils
niederdrücke, zwar nicht ohne daß sie durch ihre Fähigkeit und ihre Kräfte den Prozeß
AJ aber doch im ganzen in der Form eines sie hebenden und senkenden
Schicksals.