Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

325) Wesen und Folgen der Geldwertsänderung. 167 
Wenn es sich um die Verteilung einer Geldwertsveränderung auf 25, 50 oder 100 
Jahre handelt, so steigen oder sinken die Preise zuerst an gewissen Orten, in gewissen 
Waren, in gewissen Geschäftszweigen; die übrigen folgen erst langsam nach, sie bleiben 
oft lauge die allen; die Angebots- und Nachfrageverhältnisse an jedem Ort, in jedem 
Zweig wirken fördernd oder hemmend ein, sieigern oder halten die Umbildung zurück. 
So sind stets während der Veränderung der Marktpreise Renten, Zinsen, Löhne, Mieten, 
Taxen nicht in der übereinstimmung, die sie vorher hatten, auf denen das Gleichgewicht 
der Produktion und des Handels, das Einkommen und die Lebenshaltung beruhte. 
Steigen alle Preise, so gewinnen zunächst alle die, welche für sich die entsprechende 
höhere Bezahlung durchsetzen können, während ihre Ausgaben ganz oder teilweise noch 
die alten sind; es verlieren umgekehrt die, welche bei der alten Höhe der Einnahme 
schon größere NAusgaben haben. Es gewinnen die Völker, die Klassen, die einzelnen, 
die beim Umbildungsprozeß in der Vorhand sind; es verlieren die Nachhinkenden, 
denen der Preisausgleich erst nach Jahren, unter Umständen gar nicht gelingt. Im 
16. Jahrhundert halten Spanier, Portugiesen, Holländer, im 18. die Kalifornier, die 
Vereinigten Staaten, England zuerst den Vorteil der höheren Preise. Zuerst wuchs 
von 1850 ab die Kaufkraft der Amerikaner; die englischen Exporteure und Exrportindustrien 
folgten, dann die in Centraleuropa. Wer zuerst größere Einnahmen hat, treibt durch 
ttärkere Nachfrage die Preise in den Kreisen in die Höhe, die mit ihm in Berührung 
stehen. Stets find es bei steigenden Preisen die Händler, die Unternehmer, die bürger⸗ 
ichen Mittelklassen, die Pächter, welche noch die niedrigeren Produktionskosten der Ver— 
Jangenheit und die erhöhten Verkaufspreise der Gegenwart haben und somit solche 
Zeiten segnen. Schmunzelnd sprach der Londoner Ekonomist 1860-75 von der 
„demoeratie power“ der Geldentwertung, d. h. von der steigenden Macht der unter— 
nehmenden Bourgeoisie gegenüber Staal, Kirche, Adel, Rentnern, Beamten. Wer, 
wie diese letzteren Kreise, überwiegend auf feste Geldeinnahmen angewiesen ist, kann die— 
elben entweder gar nicht, wie der Rentner, oder erst langsam wie der Staat in seinen 
Steuern, der Adel in seiner Pacht, der Beamte in seinem Gehalt, der Arbeiter in 
einem Lohn erhöhen. Von den Grundbesitzern gewinnen freilich die, welche selbst wirt⸗— 
schaften, ebenso wie die Pächter; die verschuldeten haben den Vorteil, daß die Geldschuld 
im Verhältnis zum steigenden Gutswert sinkt. Im einzelnen können überhaupt die 
größten Unterschiede obwälten, je nach der Art, wie die betreffende Klasse sich verhält, 
gegenüber anderen ihre Kraft betätigt. Eine starke Regierung kann rasch ihre Ein— 
nahme erhöhen, eine schwache kommt durch die Geldwertssenkung in dauernde Ver— 
egenheit und Äbhängigkeit vom Parlament. Die Arbeiter Westeuropas sind 1500 bis 
1650 tief herabgebrückt worden, weil sie nicht fähig waren, ihren Lohn entsprechend zu 
erhöhen. Von 1850 an haben sie wohl zuerst auch unter der Preissteigerung gelitten, 
aber bald eine Lohnerhöhuͤng durchgesetzt, die vielfach bis 1878 die Preisveränderung 
überholte, wenigstens meist ihr gleichkam. 
.. , Steigt der Geldwert, und sinken alle Preise für längere Zeit, so sind die Er— 
scheinungen umgekehrt. Die Händler, die Unternehmer, die Pächter leiden unter der 
ungünstigen Konjunktur; ihre Produktionskosten sind, soweit sie auf längeren Verträgen, 
zuf Einkauf in der Vergangenheit beruhen, noch die alten höheren; ihr Erlbs beim 
Verkauf ist stets leicht gedruͤckt, der Preisbewegung entsprechend. Wer verschuldet ist, 
ühlt die gleiche Geldschüuld als drückendere Last. Umgekehrt gewinnen alle die, welche 
este Geldeinnahmen haben, der Staat in seinen Steuern, der Rentner, der Beamte. 
Alle Konsumenten reichen bei sinkenden Preisen mit ihren Geldeinnahmen weiter. Bei 
den anormal niedrigen Preisen des 15. Jahrhunderts befanden sich die unteren Klassen 
ebenso wohl, wie sie im folgenden unter den steigenden litten. Die billigen Preise von 
878 1866 empfinden die Arbeiter allerwärts als eine Wohlthat und sind daher 
überwiegend gegen den Bimetallismus, der die Preise steigern will. Ein starker an— 
haltender Rückgang der Preise kann freilich auf das ganze Geschäftsleben so lähmend 
wirken, daß der Vorteil für die Konsumenten, die Inhaber fester Geldeinnahmen und 
die Arbeiter dadurch zweijelhaft wird.
	        
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