329)] Die Grade und die Folgen der Papiergeldwirtschaft. 171
und Frieden und Derartigem, sondern auch von dem Kredit des Staates, von der Er—
wartung weiterer Papierausgabe, dem langsamen oder raschen Eindringen des Papiers
in den Verkehr abhängig. Die Preise steigen um so langsamer, je geringer Verkehr
und wirtschaftliche Entwickelung ist, sie steigen an der Grenze, in Exporthäfen rascher
als im Inneren großer Staaten; nach Jahren und Jahrzehnten können in großen
Reichen, wie Rußland, abgelegene Gegenden noch die alten Preise haben. Die be—
stehenden Preise leisten da der Veränderung den bekannten Widerstand des Herkömm—
ichen, zumal die, welche wie Löhne, Gefälle, Taxen, durch ihre Natur leicht die Kon⸗
unktur gegen sich haben. Umgekehrt verhalten sich die aus dem Ausland bezogenen
dringlich begehrten Waren, die sofort im entwerteten Papiergeld um so viel teurer
bezahlt werden müssen; die exportierten Inlandswaren, die im Ausland unentbehrlich
sind, steigen ebenfalls sofort um den Betrag der Valutaentwertung; andere, weniger
dort begehrte, machen die Bewegung nicht so rasch mit, werden aber unter Umständen
im Auslande, eben weil sie gegen dortige Preise nun sich billiger stellen, begehrter.
Am sichersten drückt sich die Valutaentwertung im Durchschnittspreis der Wechsel auf
Hartgeldlaͤnder, im Wechselkurs aus. Ein mit einem Rubel in Petersburg gekaufter
Wechsel auf London, dort in Gold zahlbar, ergab eine Zahlkraft in London 1858
von 838,7 Pence (das war das sogenannte pari), 18658 von 31,6, 1879 von 24,1, 1887
von 2181 Pence; d. h. die russische Valuta wurde in London als auf fast die Hälite
185382 87 gefallen betrachtet.
Die Allgemeinen volkswirtschaftlichen Erscheinungen, die eine Entwertung der
Valuta begleiten, sind im ganzen aͤhnliche wie bei einer Entwertung des Edelmetalls:
mit dem Steigen der Preise tritt eine künstliche Belebung des Verkehrs, des Absatzes
und Konsums, ebenso oft eine künstliche Erniedrigung des Diskontos ein. Die Geschäfts-
velt, welche ihre Preise rasch erhöhen kann, macht große Gewinne; wer feste Einnahmen
hat und das entwertete Papier voll nehmen muß, verliert. Aber während die Geld—⸗
wertsänderungen meist langsam sich vollziehen und die durch Verkehr verbundenen
kulturstaaten ziemlich gleichmäßig erfassen, tritt die Papierentwertung meist rascher
uind auf den einzelnen Staat beschränkt auf; sie ist ein akuter, durch Regierungsakte
hervorgerufener Prozeß. Die Preisänderungen erfolgen stoßweise, sind viel schwankender,
diel mehr künstlicher spekulativer Einwirkung zugänglich. Es entsteht so durch sie eine
viel größere Unsicherheit über Handel und Produltion in der Zukunft; alles Geschäfts—
leben wird von der Spekulation auf den Preiswechsel, den Wechselkurs und das Agio
erfaßt; die ganze Volkswirtschaft wird zum leichtsinnigen Lotteriespiel; alle Pläne und
Reschäfte, die über Wochen und Monate hinausgehen, werden so gefährlich, daß die
joliden Kaufleute sich fsern halten, ja zuletzt verschwinden. In Papierländern, sagt
Hertzka, giebt es nur Börsenspieler und Krämer. Neben die stimulierende Wirkung der
Preissteigerung treten die politischen und finanziellen Gefahren, die großen Anderungen
von Angebot und Nachfrage, die der Krieg, der Aufruhr oder was sonst die starke
Papierausgabe veranlaßte, mit sich bringen. Der Markt, schreibt man 1863 aus
New-Pork, gleicht einem Kranken, der in einem Moment paralytisch gelähmt ist, im
anderen wieder wie im stärksten Fieber die unbändigsten Bewegungen macht. Das
heftige Schwanken der Preise, des Agios, der Wechselkurse raubt dem Papiergelde alle die
Eigenschaflen, die das Gelde haben soll, die ein gutes Hartgeld mehr oder weniger hat.
Die Belebung des Verkehrs durch das Preissteigen, welche in den Kreisen der
Spekulation natürlich mit Freude begrüßt wird, bringt erhebliche Gewinne mehr nur
einzelner, besonders der großen Spekulanten: den Hauptvorteil von dem Schwanken
des Agios und Wechfelkurses haben die großen Banken; die Masse der kleinen Leute
hat selbst in der Zeit des Aufschwungs keinen oder geringen Vorteil: die Arbeiter leiden
fast stets unter zurückgebliebenen Löhnen.
— Die künstliche Verschiebung der Aus- und Einfuhr durch den verschiedenen Stand
der Preise im In- und Ausland ist auch ein zweifelhaftes, von Schutzzöllnern oft über—
schätztes Glück. Wenn die Preise im Inland noch nicht entsprechend der Papierentwertung
zestiegen, im Ausland aber durchschnittlich die alten sind, so ist klar, daß dadurch,