Die Entstehung von Vermögen und Kapital. 175
zuerst vom Kapital, nachher von der Arbeit, oder vielmehr von den Fragen, Institutionen
und Werterscheinungen, die sich an sie knüpfen.
In Bezug auf das Kapital muß uns zuerst seine Entstehung kurz beschäftigen;
dann der Sprachgebrauch in Bezug auf die Begriffe Kapital und Vermögen; drittens
die Versuche einer Größenmessung des Kapitals; ehe wir weiter gehen, besprechen wir
die einzelnen Formen der Kreditgeschäfte, welche die Kapitalbewegung und -verwertung
beherrschen; dann erst können wir das Wesen des Kredits erörtern, die rechtsgeschichtliche
Entwickelung des zinsbaren Darlehens (die Geschichte des Wuchers) und die philosophisch—
aationaldkonomische Begründung der Kapitalrente und zuletzt die thatfächliche Höhe
derselben, den Zinsfuß, ihre Bewegungen und Ursachen darstellen.
Wir fragen also zuerst. wie entstand das Kapital, der Vermögensbesitz. Müssen
wir dabei an manches früher Gesagte anknüpfen, einiges wiederholen, so ist ein ein—
leitendes Wort über diesen Punkt hier doch nicht zu vermeiden, da durch die eigen—
tümliche Verschlingung individuellen Handelns und gesellschaftlicher Prozesse bei dem
Vorgang der Kapitalbildung so viele Irrtümer und Zweifel entstanden sind.
Die Menschen mußten einerseits denken, sich selbst beherrschen, die Zukunft in
Rechnung ziehen lernen, um Vorräte aller Art für den folgenden Tag, den Winter,
die folgende Generation anzusammeln; fie mußten andererseits technische Fortschritte
machen, um mit derselben Arbeit mehr zu schaffen, um die Vorräte zu konservieren,
um mit besseren Werkzeugen und Maschinen, auf melioriertem Boden mehr zu erzeugen,
als sie für den Augenblick brauchten. Sobald die ersten großen wirtschaftlichen Fort—
schritte gemacht waren, handelte es sich um die doppelte Aufgabe, die Vorräte für
direkten Verbrauch und die Produktionsmittel für bessere Arbeit anzusammeln, zu ver—⸗
mehren. Und sobald aus der Eigenwirtschaft durch Arbeitsteilung und Markt die Ver—
kehrswirtschaft mit Geldpreisen entstanden war, handelte es sich nicht bloß um die
GBebrauchsvorräte und Produktionsmittel, sondern auch um ihren Geldpreis, zu dem sie
berwertet, ge- und verkauft werden konnten, und um die Wertwechsel, die einzelne und
zanze Klassen bald bereicherten, bald schädigten.
Es handelte sich zunächst bei all' dem um die Ausbildung bestimmter Eigenschaften,
um einen langsamen Erziehungsprozeß; einzelne Individuen, Familien und Stämme
hatten die Eigenschaften mehr, entwickelten fie rascher. Die fähigsten, klügsten, kräftigsten
sammelten größere Vorräte, schufen bessere Produktionsmittel. Sie kamen am raschesten
voran, wenn sie zugleich kriegerisch und politisch organisiert, sich gegen Feinde aller Art
besser als andere schützen konnten. Sie erzielten sehr viel mehr, wenn sie früher als
andere das Zusammenarbeiten mehrerer in Stamm, Geschlecht, Familie, Gemeinde, Unter—⸗
nehmung und Staat erlernten und die Formen und Institutionen, in welchen das
geschah, ausbildeten. Diese Organisation wurde mit steigender Kultur ein Hauptmittel,
die Vorräte zu häufen, die Produktionsmittel ergiebiger zu machen.
Die wirtschaftlichen und technischen wie die organisalorischen Vorzüge der Familien
und der Stämme blieben meist jahrhunderte- und jahrtausendelang das Erbe der Nach—
kommen; sie gingen erst sehr langsain, erst mit höherer Kultur, in gesitteten Ländern
mit dem heutigen völkerrechtlichen Verkehr rascher und leichter auf andere niedrigere
Raffen, auf zuͤrückgebliebene Stämme und Klassen über. Und so ist noch heute in
ledem Lande, in jeder Völkergesellschaft eine weit auseinander liegende Stufenreihe von
Menschen vorhanden, die in all' den Eigenschaften, welche zur Kapitalbildung führen,
anendlich weit von einander abstehen: in der Sparsamkeit und Voraussicht, in der
Produktionsfahigkeit, in den technischen und organisatorischen Fähigkeiten. Je höher
nun aber die wirtschaftliche Kultur steigt, die Gejfellschafts- und Eigentumsverfassung
ich kompliziert, desto mehr wird die Kapitalbildung der Individuen und Klassen nicht
nehr bloß sich nach den perfönlichen Unterschieden differenzieren, sondern die Rechts—
and Wirtschaftsinstitutionen, sowie die großen, ganze Epochen beherrschenden Wert—
crãnderungen auf dem Markt werden darauf einwirken; die Gerechtigkeit und Un—
rrdtigteit der gesellschaftlichen Einrichtungen, sowie die Gunst der wirtschaftlichen
usammenhänge wird die Kapitalbildung dem'einen leichter, dem andern schwerer machen.