Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

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Die verschiedenen Kapitaldefinitionen. 179 
Waren die Kapitalbegriffe von Turgot bis Hermann mehr einem theoretischen 
Klaffifikationsbedürfnis entsprungen, so begann mit der Anzweiflung der Berechtigung 
der Kapitalrente die Tendenz, in den Begriff des Kapitals seine Entstehungsgeschichte 
und die Rechtfertigung des Kapitalgewinns und -inses hineinzuschieben. Für Macculloch 
und viele Rachfolger' desselben wurde das Kapital angehäufte Arbeit; man glaubte, so 
die Kapitalrente als Arbeitslohn oder als Parallele desselben gerechtfertigt zu haben, 
hatte aber in Wahrheit keine Definition des Wortsinnes mehr, sondern nur die Hervor— 
sebung einer Urfache neben der Unterschlagung anderer; denn jedes Kapital beruht 
auf einer eigentümlichen Gestaltung bestimmter Naturstoffe und -kräfte, welche Wert⸗ 
steigerungen vder -minderungen erfahren, die nicht der aufgewendeten Arbeit entsprechen. 
Die Socialisten knüpfen umgekehrt an den Besitz, das Eigentum und seine Aus— 
autzung im rechtlichen Mechanismus der Gesellschaft an; sie wollen die Kapitalrente 
als arbeitsloses Einkommen denunzieren. Ihnen ist ein augehäufter Vorrat von Gütern, 
die im Bauernhof oder in der Handwerksstatt vom Eigentümer selbst umgetrieben 
verden, nicht Kapital. Das Kapital ist für sie eine „historische Kategorie“, die seit 
den letzten Jahrhunderten mit der Geldwirtschaft, dem Handel, der Produktion für den 
Markt, der Unternehmung und dem Lohnverhältnis entsteht. Es umfaßt nach Marrx 
die Produktionsmittel, die in der Hand des Warenproduzenten und ⸗»verkäufers dazu 
dienen, den Mehrwert aus dem Arbeiter herauszupressen; der Kapitalist ist der Aus⸗ 
beuter, der sich durch seinen Besitz und seine Besitzüberlegenheit auf Kosten des Arbeiters 
bereichert, er ist ein Heuchler, welcher der Welt weis macht, das Kapital entstehe durch 
seine Entsagung, indem er sein Einkommen nicht verzehre, während er es in Wahrheit 
auf Kosten der Armen akkumuliert. „Aneignung unbezahlter Arbeit ist das Geheimnis 
der Plusmacherei.“ Kapitalbildung ist also Plusmacherei. Dieser Standpunkt erklärt 
alle anderen Kapitaldefinitionen für Unsinn; Knies fugt in seiner feinen Weise bei, daß 
die Marrsche auf dieses Prädikat in nicht geringerem Maße Anjspruch habe. 
Der Kapitalist, den schon die englische Nationalbkonomie in unklarer Weise mit 
dem Unternehmer zusammen geworfen hatte, wurde nun unter dem Einfluß dieser 
Kapitaldefinition, der Sammelname für alles, was scheinbar oder wirklich dem Arbeiter⸗ 
interesse gegenüberstand; man verstand nun unter den Kapitalisten bald die höheren 
Klassen überhaupt, bald alle Vermögensbesitzer, bald die großen Kaufleute und Unter— 
nehmer, bald die gewerblichen größeren Geschäftsleute gegenüber den Grundeigentümern, 
bald auch nur die Rentiers, die ohne Arbeitseinkommen leben. 
Und ebenso schillert der Begriff der kapitalistischen Unternehmung, wie er auch 
nn die nicht socialistischen Schriften übergegangen ist, in allen Farben: der eine meint 
damit den Großbetrieb überhaupt, der andere die kaufmännisch spekulative, auf Ver— 
ögenserwerb mehr als auf eigenen Unterhalt zielende Wirtschafts- und Geschäfts⸗ 
ührung, der dritte die Ausbeutung der Arbeiter, der vierte die Unternehmung mit 
modernem Lohnverhältnis. Fast immer liest man durch die Zeilen, daß die Autoren 
doch mehr oder weniger an die Nebenbedeutung denken, welche Marx dem „Kapital“, 
als dem Vampyr, der die Arbeiter aussaugt, gegeben hat. 
Sombart nennt neuerdings die kapitalistische Unternehmung die Wirtschaftsform, 
deren Zweck es sei, „durch eine Summe von Vertragsabschlüfsen über geldwerte Leistungen 
und Gegenleistungen ein Sachvermögen (Kapital) zu verwerten“. Eine disponierend⸗ 
ganisierende, eine kalkulatorisch-pekulative, eine rationalistische, auf Profit gerichtete 
Thätigkeit sei damit gemeint; richtig — das sind eigentümliche wirtschaftliche Handlungen, 
die in bestimmten socialen und wirtschaftlichen Zuständen eine große Rolle spielen, sich 
emlich regelmäßig an die moderne kaufmännisch geführte Großunternehmung anschließen. 
kin Sachvermögen wird dabei vorausgesetzt, seine Vermehrung ist das Ziel, aber nicht 
owohl das Kapital an sich hat die Menschen zu dieser Art Thätigkeit gebracht, sondern 
ine bestimmte Phase der pfychischen Entwickelung und der gesellschaftlichen Einrichtungen. 
g Der ganze von den Socialisten angeregte Streit über den Kapitalbegriff ist ein spätes 
Aberlebsel der sogenannten Realdefinition, des schiefen Glaubens, aus dem Kapital— 
degriff heraus könne man das Wesen der socialen Kämpfe und der modernen Wirtschafts— 
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