180 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [6388
entwickelung erklären; — zugleich ein schlagender Beweis dafür, daß die Sprache aus
Mangel an neuen und zahlreicheren Worten immer leicht diefelben Worte in relativ
verschiedener Bedeutung gebraucht.
Wir wollen auf den Kapitalbegriff kein System aufbauen, aus dem Wesen des
Kapitalismus nicht erklären, was uns nur einej Specialanalyse unseres heutigen Wirt⸗
schaftslebens ergeben kann. Wir halten es für das Richtigste, bei der Definition der
einschlägigen Begriffe von den wirtschaftlichen Gütern auszugehen und unter ihnen im
Gegensatz zu den freien, in unbegrenzter Menge vorhandenen, diejenigen materiellen in
beschränkter Menge vorhandenen und daher im Eigentum bejessenen Objekte zu ver—
stehen, deren Nuͤtzlichkeit anerkannt ist, die darum Wert haben, den wirtschaftlichen
Bedürfnissen dienen. Nur im abgeleiteten Sinne und im Hinblick auf die Folgen des
gesellschastlichen Mechanismus kann man neben den realen Objekten die Vermögens—
nutzung und die Rechte auf wirtschaftliche Güter oder Leistungen unter den wirtschaft—
lichen Gütern mit begreifen. Die realen wirtschaftlichen Güter kann man dann einteilen
a) in solche, welche der Produktion dienen (Produktivgüter- oder -tapitalien; Güter
zweiter und späterer Ordnung nennt sie die österreichische Schule); b) in solche, welche
länger dauernder Benutzung dienen, wie Häuser, Kleider u. s. w. (Nutzkapitalien) und e) in
solche, die durch einmaligen Verbrauch in ihrer Gestalt und in ihrem Wert vernichtet
werden (Genußgüter, verbrauchliche Güter); fie und die vorhergehende Klaffe nennt
die österreichische Schule Güter erster Ordnung. Unter Vermögen verstehen wir dann
den Inbegriff wirtschaftlicher Güter, über welche einzelne oder Kor—
porationen in ihrem Interesse verfügen können; und da es für die einzelnen
nicht bloß auf das Eigentum, das Innehaben, sondern ebenso auf das Recht in Bezug
auf Güter und Renten, Schulden und Verpflichtungen ankommt, so sagen wir in über—
tragenem Sinne auch, das Vermögen sei der Inbegriff der wirtschaftlichen Güter, über
die jemand in seinem Interesse zu verfügen, das Recht habe (Reumann). Wir
denken uns dabei etwaige Schulden abgezogen. Wir begreifen unter dem Vermögen den
werbenden wie den nicht werbenden Teil (zumal die sogenannten Nutzkapitalien), und
wir drücken gewöhnlich das Vermögen in Geldpreisen als Werteinheit aus.
Das Kapital aber ist uns derjenige Teil des Vermögens, der
werbend in irgend einer Form, im eigenen Geschäft oder bei Dritten in Leih—
form angelegt ist, bei dem aber der Gedanke der technisch verschie—
denen Anlagemöglichkeiten und -arten zurücktritt gegenüber seinem
Geldwert und der Rente, deren Höhe in bestimmtem Verhältnis zu diesem
Geldwert steht. Wo und soweit vom Besitz im Gegensatz zum Nichtbesitz die Rede
ist (wie bei Marx), halten wir es für besser, von Vermögen und nicht von Kapital
zu sprechen. Wo Gutlervorräte, die weiterer Produktion technisch dienen, gemeint sind,
mag man das Wort Kapital auch brauchen; häufig wird es besser sein, wexbendes Ver⸗
mögen zu sagen. Im ganzen scheint es mir richtig, wenn wir mit C. Menger zu
vde Napitalbegriff zuruͤckkehren, wie er im geschäftlichen Leben feststeht und durch
keine theoretische Auseinandersetzung zu beseitigen ist, auch von allen Theoretikern, die
andere Begriffe vom Kapital geben, doch immer wieder nebenbei gebraucht wird.
Die durch A. Smith begründete Einteilung des Kapitals in umlaufendes und
stehendes geht vom Kapital im Sinne der der Produktion dienenden Gütervorräte aus.
Zum ersteren rechnet man die beweglichen Vorräte, Lebensmittel, Rohstoffe, Zwischen—
produkte, das Geld in den Geschäftskassen, zum letzteren die Werkzeuge, Maschinen,
Gebäude, Grundstücke, Meliorationen. Es ist in erster Linie ein technischer Unterschied,
aber dann auch ein geschäftlicher. Das umlaufende Kapital, Betriebskapital, erlaubt
technisch nur eine einmalige Verwendung; es giebt bei richtiger Produktion seinen ganzen
Wert in das Produkt, das stehende nur seine Nutzung, denn dieses erlaubt eine Ver—
wendung für Monate und Jahre. Das Betriebskapital ist technisch zwar teilweise nur
zu bestimmten Zwecken verwendbar, wie Wolle zu Wollgeweben; ein großer Teil aber,
Geld, Lebensnuttel und anderes, kann zu allem Möglichen dienen, und fast stets kann
das Betriebskapital leicht veräußert und so sein Wert anderen Zwecken zugewendet werden.