363)] Die Theorie zur Begründung des Kapitalzinses. 205
fügt bei, der Kapitalgewinn ist ein Element der Produktionskosten, sie müssen ersetzt
werden. Aber es ist einzuwersen: nur wenn die erzeugten Produkte begehrt genug und
nicht in übergroßer Menge vorhanden sind, steht ihr Wert so hoch, daß das angewandte
Kapital eine Vergütung erhält.
Die Nutzüngstheorien schließen sich an die Widerlegung des Thomas durch
Salmasius und andere Zinsverteidiger an. Hermann lehrt, daß es auch an verbrauch—
lichen Gütern neben ihrem Gutswert einen besonderen selbständigen Nutzungswert gebe.
Daran halten Knies und Menger fest, der erstere in der Fassung, daß er den Zins,
das Entgelt für ein wirtschaftswertiges und gewertetes Objekt, den Preis für die ge—
währte Befriedigung eines wirtschastlichen Bedürfnisses nennt; der letztere indem er
die Kapitalrente aus seiner Werttheorie ableitet, den Kapitalnutzungen einen Wert
zuspricht, weil und sofern sie nicht in hinreichender Menge vorhanden und ausgeboten
find. Böhm-Bawerk sucht mit einem den Scholastikern würdigen Scharfsinn zu be—
weisen, daß die Vorstellung einer selbständigen Nutzung von verbrauchlichen Gütern
falsch sei, wie der heilige Thomas gelehrt, daß deshalb diese Vorstellung nicht der
Rechtfertigungs⸗ und Erklärungsgrund des Zinfes fein könne. Vielleicht täuscht er sich
darüber, daß eine naive Volksvorstellung doch die Nutzung als etwas Selbständiges,
Wertvolles und daher zu Bezahlendes aufgefaßt habe.
Die sogenannten Abstinenztheorien knüpfen an die bekannteste und zu allen
Zeiten lebendig empfundene psychologische Wahrheit an, daß ohne eine Kapitalrente, die,
welche mehr haben als sie brauchen, dieses Mehr nicht aufbewahrt, ausgeliehen oder
produktiv verwendet hätten. Senior hat diesen Gedanken zu der Theorie ausgestaltet: zu
den Produktionskosten gehört Arbeit und Enthaltung, also muß beides bezahlt werden im
Arbeitslohn und Kapilalzins; der Zins ist die Belohnung der Enthaltung, und die
Mehrzahl der späteren Nationalökonomen sprach das nach. Böhm meint: ein richtiger
Gedanke, aber grob generalisiert und schablonenhaft verwendet. Wir sahen schon, wie
viel Kapital heute ohne direkte Entbehrung der Eigentümer entsteht, und Lassalle hatte
leichtes Spiel, unsere großen Kapitalisten als entbehrungsreiche Büßer zu verhöhnen.
Das aber bleibt für alle Kapitalbildung wahr: der künftige Gewinn muß dem
momentanen Verbrauch vorgezogen werden.
Die Ausbeutungstheorie, wie sie am prägnantesten von Rodbertus und
Marx geschaffen wurde, geht von dem Axiom aus, daß aller Wert durch Arbeit entstehe;
sie lehrt demgemäß, daß der Kapitalzins eine Aneignung fremder Arbeit, also un—
berechtigt sei. Aber einmal ist es falsch, daß aller Wert allein auf der Arbeit oder
gar auf der Arbeit des Handarbeiters beruhe; der Wert entsteht neben dieser durch
frühere geistige Arbeit, durch richtige Anpassung der Produktion an den Bedarf, er
entsteht stets zu einem Teil durch die Seltenheit der Stoffe und Naturkräfte. Aber
auch, sagt Böhm, wenn man den Satz zugiebt, daß dem Arbeiter der ganze Wert des
von ihm geschaffenen Produktes gehören soll, so kann das nur heißen: der jetzige Wert
jetzt, der zukunftige Wert künftig; aber die Socialisten verlangen den zukünftigen Wert
jetzt. Wenn ein Äürbeiter heute einen Wert von drei Mark erzeugt, und dieser in einem
Jahr für vier verkauft wird, so ist das auch, abgesehen von weiterer Umarbeitung,
von Transport- und Verkaufskosten normal, weil dieselben Güter heute und übers Jahr
nie denselben Wert haben können.
Auf diesen von Galiani und anderen früher schon ausgesprochenen Gedanken führt
Bbhm-Bawerk nun den reinen, von allen Rechtsinstitutivnen unabhängigen „natür—
lichen“ Kapitalzins zurück, der auch in jeder socialistischen Gesellschaftsorganisation nicht
verschwinden könne. Gegenwärtige Güter, sagt er, sind in aller Regel mehr wert als
künfstige Güter gleicher Art und Zahl. Letztere sind nicht so sicher wie die im Moment
vorhandenen. Viele Menschen hoffen auf eine bessere Zukunft, nehmen deshalb künftige
Verbindlichkeiten leichter als gegenwärtige; die Gegenwart steht allen eindringlicher vor
Augen, daher werden gegenwärtige oder nahe Güter höher geschätzt als entfernte. Mit
gegenwärtigen Gütern kann man technisch, in Form der vervollkommneten Produktion
eine größere Menge Zukunftsgüter erzeugen, daher würden mit Recht 100 Gütereinheiten