Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

367) Roher und reiner Zins. Einheitlichkeit der Zinshöhe. Kapitalangebot. 209 
gekehrt wird verlangen, weniger zu zahlen, wenn andere weniger zahlen. Und so weit 
die Kündigung (3. B. bei den meisten Effekten) ausgeschlofsen ist, so weit es fich um 
verkäufliche, regelmäßig in Verkehr kommende Grundstücke, Gebäude, Fabrikanlagen 
handelt, werden diese Kapitalien bei sinkendem Zinsfuß entsprechend im Kapitalwert 
lim Kurse) steigen, bei steigendem ebenso sinken, so daß der neue Wert des Kapitals 
bei gleich gebliebener Rente nun dem mittleren Zinsfuß wieder entspricht. Ein erheb— 
licher Teil des Steigens und Fallens der Bodenpreise und der Effektenkurse ist so eine 
Folge wechselnden Zinsfußes. Soweit also das Kapital ganz beweglich und jederzeit 
ündbar ist, so weit das unkündbare einen großen Markt hat und dementsprechend im 
Werte und Kurse schwankt, so weit ist es richtig, daß der jeweilige Zinsfuß auf dem— 
selben Markte im ganzen ein einheitlicher ist, nach gleichem Niveau strebt. 
Immer aber treffen die erwähnten Bedingungen nur in beschränkter Weise zu. 
Nur ein Teil der Kapitalien hat diese Beweglichkeit, nur ein Teil der Gläubiger und 
Schuldner hat die Geschäftskenntnis, den Zugang zum Kapitalmarkt, um an jeder Be—⸗ 
wegung teilzunehmen. Und deshalb ist der Satz, daß die Konkurrenz zur selben Zeit, 
auf demfelben Markte nur einen einheitlichen Satz des reinen Zinses zulasse, nur be— 
schränkt wahr. In derselben Gegend, derselben Stadt giebt es verschiedene getrennte 
Kapitalmärkte, die sich nicht berühren; die Kreditorganisation führt dem einen leicht, 
dem anderen schwer oder gar nicht das an sich vorhandene Kapital zu. Der landes- 
übliche und der kaufmännische Zinsfuß find oft ganz verschiedene, weil es sich um 
getrennte Märkte handelt, die nur langsam sich gegenseitig aushelfen. Wir kommen 
darauf zurück. Die Errichtung einer Spar—-, einer Darlehenskasse hat oft da und dort 
den Zinsfuß um !/2—100 sofort vermindert, nicht weil sie das Kapital vermehrte, 
ondern nur weil sie es zugänglicher machte. Doch bleibt es wahr, daß auf demselben 
Markt zur selben Zeit eine Tendenz auf gleiche reine Zinshöhe vorhanden ist. Was 
bestimmt sie? Natürlich das Angebot einerseits, die Nachfrage andererseits. 
Das Angebot hängt zuerst von der Stärke und Art der Kapitalbildung, die wir 
oben besprochen haben, danu von der zunehmenden Gewohnheit, erübrigtes Kapital aus— 
zuleihen, weiter von all' den gesellschaftlichen Einrichtungen und Kreditinstitutionen, 
die das Kapital sammeln und dem Bedarf zuführen wollen, ab. Es ist in älterer Zeit 
nmer mehr ein lokales, später ein von Ort zu Ort, von Provinz zu Provinz, ja von 
Staat zu Staat sich nach und nach ausgleichendes. Doch hängt diefe Ausgleichung 
auch heute noch von vielen Umständen ab; der Kapitalexport nach anderen Ländern hat 
von Italien und von den deutschen Reichsstädten aus früh begonnen, er hat sich in 
Holland im 17. und 18. Jahrhundert erheblich entwickelt, großen Umfang erhielt er 
in den letzten 4050 Jahren und hat so naturgemäß den Zinsfuß in den reichen 
Ländern etwas erhöht, in den ärmeren ermäßigt.“ Im allgemeinen können wir sagen, 
n dem steigenden Kapitalangebot, das wir heute gegen früher konstatieren können, 
ege die Erklärung des finkenden Zinsfußes; man wird auch die großen Wechsel des 
Zinsfußes wie sie noch im 19. Jahrhundert vorkamen, mit der zeitweisen Verschieden— 
heit des Angebotes und der Kapitalbildung in Zusammenhang bringen dürfen. 
Die von den Kapitalinteressenten oft aufgestellte Behauptung, daß sinkender 
Zinsfuß die Kapitalbildung einschraͤnke, daß dieses Sinken also nicht wünschenswert, 
ja der Volkswirtschaft schädlich sei, dürfte vor genauerer Prüfung der Thatsachen nicht 
stand halten. Die Länder und Zeiten des niedrigsten Zinsfußes sind die, welche am 
stärksten Kapital bilden. Wir werden kaum viele Menschen finden, welche bei sinkendem 
Zinsfuß licber ihre Eispachisfe eet aufbrauchen und verschwenden, oder welche 
r solchem Falle lieber eigene Geschäfte anfangen als ihr Kapital ausleihen. Die 
eichtsinnigen Verschwender werden nicht durch Zinsfußreduktion zu ihrem Prasserleben 
o rass 
oNranlaßt. Auch wer vor der Frage steht, ob er von der Rente leben oder din Geschäft 
innen soll, wird nicht in erfter Linie von der Zinsfußhöhe beeinflußt. Auch wenn 
dnstig der Zinsfuß auf 2 und Tu o/ sinken follie, vin dadurch die Kapitalbildung 
iicht aufhören; man könnte sogar sagen, sie werde einen neuen Impuls erhalten. 
Schmoller, Grundriß der Vollswirtschaftslebre 1. 1.20 Aum
	        
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