373) Die neueren Diskontschwankungen. Die Diskontpolitik. 215
schäftswelt unwillkommen sind, auszukommen. In Berlin schwankt der Satz 1815 bis
1825 oft zwischen 2 und 39/0 als Minimum und 6—120/0 als Maximum,; schon in
den dreißiger Jahren bewegt er fich nur zwischen 8 und 8, später ist er teilweise noch
Jleichmäßiger gewordeni, außer in den Jahren mit Handelskrisen, wo 2 und 10, ja
mehr Prozent diemlich dicht nebeneinander liegen. Den großen privilegierten Central—
hanken mit ihren großen Mitteln und sonstigen Gewinnen wurde es teilweise zur Auf—
Jabe gemacht, zu möglichst gleichmäßigem Satze zu diskontieren; die franzöfische Bank
hat es so im ganzen 1820 1848; auch die preußische strebte bis in die füniziger
Jahre dahin; die französische hat auch neuerdings noch zuweilen jahrelang ihre ojfizielle
Finsrate stabil gelassen. Dabei ist aber nicht zu übersehen, daß diese Banken auch bei
fabiler Rate oft durch strengere Prüfung der Wechsel, Ausschluß aller länger kursierenden
Wechsel die Diskontierung einschränkten, wenn ihre Mittel knapp waren. Und das
wurde oft ebenso hart wenn nicht härter empfunden als eine Diskontoerhöhung. Außer—
dem war diese Stabilisierung der Bankrate für beste Wechsel ja keine Stabilisierung
der Diskontierungen überhaupt. Und sie war 1820— 1850 leichter, weil die Geschäfte
nehr in gleichmäßigem Gange sich bewegten, der Kapitalmarkt noch nicht so inter⸗
national war.
In den beiden letzten Jahren 1900 1901 gingen die Länder mit geringem Kapital⸗
reichtum und stärkerer Kapitalerschöpfung in den Diskonterhöhungen der Centralbanken
voran: Petersburg kam 1900 schon bis 71/8, Wien bis buss, Berlin 51/3 —7, während
man am offenen Markte, z. B. in Berlin noch zu 8,75, durchschnittlich zu 4,42 dis⸗
ontierte. Im Laufe des Jahres 1900 sanken allerwärts die Sätze, standen Ende 1900 bei
der Reichsbank 8, am offenen Markt in Berlin 4,18 —4,75. Im Jahre 1901 blieb
Petersburg (Centralbank und offener Markt) schwankend zwischen 5,8 und 7,6, Paris
war dagegen schon wieder auf 8 (im offenen Markt zeitweise auf, 360-2) gesunken;
Berlin Reichsbank stand zwischen 8,6, 4 und f5, Privatdiskont zwischen 2,26 und 8,79.
Heute gilt es allgemein für die Pflicht der großen Banken und ganz mit Recht,
daß sie den Konjunkturen entsprechend mit einer gewissen Voraussicht den Diskont ver—
indern, vor allem ihn vor einer drohenden Überspekulation bei Zeiten erhöhen. Nicht
als ob nicht auch heute es für alle Geschäfte besser wäre, auf eine gewisse Stabilität des
Zinses rechnen zu können, und nicht als ob die großen Banken die Macht und die Pflicht
hätten, im Gegensatz zu Angebot und Nachfrage, künstlich einen Diskont zu diktieren.
Aber allerdings haben sie bei ihren enormen Mitteln und ihrem Einfluß auf den
sonstigen Diskontverkehr die Möglichkeit, die an sich gegebenen Schwankungen in sehr
verschiedenen Kurven verlaufen zu lassen und damit leitend in das ganze Geschäftsleben
einzugreifen. Jede starke Diskonterniedrigung verbilligt alle mit Kredit arbeitenden
Beschaͤfte, jede Erhöhung verteuert sie und deutet bei richtiger Handhabung an, daß es an
Beldkapital zu mangeln beginnt, daß man in der Spekulation, in der Gründung neuer
Geschäfte vorfichtig sein müsse. Die Erhöhungen und Erniedrigungen der Bankrate der
Centralbanken wirken um so särker, einen je größeren Teil des Wechselkredites sie befriedigen,
und je mehr ihr die Privatbanken zu folgen gewöhnt, teilweise durch Verabredungen oder
durch eingreifende Maßregeln gezwungen find. Die Bank von England zwingt ab und zu,
wenn sie ihre Rate erhöht hat, die Privaten zur Nachfolge dadurch, daß sie dem offenen
Markt durch Geldaufnahine Millionen entzieht. Wenn die großen Banken zur Zeit des
apitalüberflusses nicht so weit herabgehen wie die anderen, so machen sie geringere
Beschäfte; wenn sie bei beginnendem Kapitalmangel früher erhöhen, so schraͤnken sie
vieder ihr Geschäft ein. Aber sie sollen eben, wie wir im nächsten Abschnitt noch
aäher sehen werden, auch nicht suchen, bloß möͤglichst viel Geschäfte zu machen und zu
verdienen, sondern sie sollen durch ihre Diskontopolitik in der richtigen Weise auf die
zanze Volkswirtschaft und das Tempo ihres Ganges einzuwirken suchen. Wir haben
chon bei der Geldlehre gesehen, daß sie durch dieses Mittel auch den Edelmetallschatz des
Landes bewahren sollen. Wenn aus einem Lande infolge ungünstiger Zahlungsbilanz
ind der hieraus folgenden ungünstigen Wechselkurse viel Geld abfließt, wenn vollends
mm Nachbarland der Zinssatz für Kapital höher steht und dadurch ein Reiz entsteht,