689)] Die innere Verfassung der Centralbanken. Gesamturteil. 231
Reich und Aktionären heilsam wirkt; diese ist neuerdings von Deutschland aus in die
Gesetzgebung einer Reihe von anderen Centralnotenbanken übergegangen, so in die von
Hsterreich, Frankreich, Belgien und Italien.
Wir sind am Schluß unserer Erörterung über die Notenbanken. Was für die
Girobanken 15871620 in einigen Handelsstädten, wurde für sie 1800-1900 in
großen Staaten erreicht: eine Centralisierung im Gesamtinteresse, hervorgegangen aus
Ind verbunden mit einer weitgehenden gesetzlichen Reglementierung aller Geschäfte. Der
ausgebildetste Teil der heutigen Kreditorganisation ist so nicht etwa verstaatlicht,
aber durch seine Verfassung antikapitalistisch umgebildet. Die Bankleitung ist so kon⸗
struiert, daß sie nicht bloß hohe Dividende machen, sondern das Gesamtinteresse von
Staat und Voͤlkswirtschaft fördern will. Das berühmte Wort Tookes, Notenfreiheit
sei nichts als Schwindeifreiheit, wird heute in der Mehrzahl der Kulturstaaten geglaubt,
nicht ohne daß man da und dort das Notengeschäft vielleicht zu sehr eingeschränkt, die
Noie zu sehr aus einem Kredit- zu einem bloßen Zahlmittel gemacht, die Bank—
verwallung etwas zu sehr bureaukratifiert und schablonisiert hat, aber im ganzen doch
sehr viel mehr zum Segen als zum Schaden der Staaten, welche ihr Notenbankwesen
Fon 1844. 1902 einer centralistischen und regulierenden Reform unterworfen haben,
ohne doch die kaufmännischen Sachkenntnisse und. die Gewinnabsichten ganz aus dem
Mechanismus zu verbannen.
197. Die übrigen städtisch-kaufmännischen Banken. Das Privat—
bankiergeschäft, die Depositen-, Diskontos, Effekten-, Kolonial- u. s. w.
Banken.“ Der Entwickelung der Notenbanken von 1700 - 1900 ging zunächst der
Ausbildung des privaten kleinen und großen Bankiergeschäfts parallel; hauptsächlich
die großen Privatfirmen hatten vielfach schon vor den großen Notenbanken 1700 1850
in den Centralpunkten Westeuropas eine beherrschende Stellung, wie einst die italie—
nischen, holländischen, oberdeutschen im 13.- 17. Jahrhundert, sich errungen. Im
Laufe des 19. Jahrhunderts, hauptsächlich von 1880-1900, zweigen sich dann eine
Reihe neuer großer Aktienbanken teils als Specialitäten von den Notenbanken ab, teils
entsiehen fie aus den großen Privathäusern oder bilden sich in steigender Zahl neu.
Wir besprechen zunächst die Formen der Banken, die dem kaufmännisch-gewerblichen
Kredit angehören, häuptsächlich als Aktiengesellschasten auftreten: die Depositen⸗, Dis⸗
konto⸗, Essekten- und Kolonialbanken.
Ich suche zuerst eine Vorstellung von der Entwickelung des Privatbankiergeschäfts
zu geben. Wir jahen oben (II S. 34), daß der preußische Staat 1837 368, 1861 602
Großhändler für Kredit zählte; die Zollvereinsstatistik führt 1861 1551 Inhaber von
Bankgeschaäften mit 8188 Gehuülfen auf. Die Berufszählungen von 1882 und 1895
erwähnen 5181 und 5069 Erwerbsthätige im Geld- und Kredithandel als Betriebs⸗
leiter, 17608 und 83 689 als dienendes Personal; die Gewerbestatistik von 1895 ergiebt
6233 Hauptbetriebe, von welchen 1605 Alleinbetriebe, 4893 Betriebe mit 2-20 Personen,
214 solche mit 21-100, 21 solche mit 101 - 1000 Personen waren. Diese Zahlen
werden uns ein ungefahres Bild der westeuropäischen Entwickelung überhaupt geben,
wenn auch England und Frankreich, Belgien und Holland Deutschland um ein Menschen⸗
alter oder mehr voraus gewesen sein mogen. Das gewöhnliche Privatbankiergeschäft in
Deutschland war bis 1840 - 1860 mäßig entwickelt, nahm dann einen außerordentlichen
Aufschwung, hauptsächlich 1860 —1882; in den letzten zwanzig Jahren nimmt die Zahl
der Vetriebe Laum zu, aber ihr Umfang; immer erscheint auch 1895 noch das kleinere
Bankgeschaft als überwiegend, 23 760 Personen kommen auf die Betriebe mit unter
20, 12818 auf die mit über 20 Personen. Ich Jüge noch bei, daß Wiedfeldt für
Berlin nachweist: fur 1846 110 Selbständige im Bankiergeschäft und 205 Abhäugige,
1861 160 und 847, 1890 1315 und 6697. Das deutsche Bankierbuch zählt 1898 für
Berlin 410, für Breslau 88, für Frankfurt a. O. 135, für Hamburg 65 Vrivatbanken
auf; das können nur die größeren Firmen sein. Vielleicht spricht aus diesen Zahlen
aber auch schon der seit 1885 stark einfetzende Aufsaugungsprozeß der kleinen Bankiers