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Die deutschen Effektenbanken.
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Man hat diese Banken bald als Gründungs- und Spekulutionsbanken, bald als
Depositen- und Diskontobanken bezeichnet, früher auch Industrie⸗ oder Kredit⸗, neuer—⸗
dings Effektenbanken genannt. Ihre Benennung ist deswegen schwierig, weil ihre
Eigentümlichkeit eben darin besteht, daß sie in ihrer Mehrzahl das gewöhnliche Bank⸗
geschäft (Depofiten-, Diskonto-, Lombard-, Kontokorrentgeschaft ohne Rotenausgabe) ver—
dinben mit dem Gruündungs-, Effekten⸗, Anlehengeschäft und der Spekulation, die an
diese letzteren Zweige sich anschließt. Manche haben besonders 1858-1873 sich fast
ausschließlich auf diese gewagte, spekulative Thätigkeit geworfen: so der Crédit mobilior
in Paris, die Darmstädter Bank in ihren Anfängen, später auch noch manche andere
der großen Pariser, Berliner, Wiener, Brüsseler Banken. Aber schon weil nur in den
—D das Kapital be⸗
schäftigen, sahen sich doch alle diese Banken immer wieder genötigt, das solide Kunden—
geschäfl daneben zu treiben; und man wird sagen können, je mehr sie es thaten, je
größer ihr solider Kundenkreis wurde, je mehr sie Filialen dafür errichteten, desto fester
und angesehener wurde ihre Stellung, desto größer konnte auch ihr Gründungs-⸗,
Effekten-⸗ Spekulationsgeschäft werden, desto segensreicher wirkten sie auf Förderung und
Belebung der Industrie. Aber natürlich liegen in der Verbindung dieser zwei ver⸗
schiedenen Zweige des Kreditgeschäftes gewisse Gefahren; sie müssen nur durch Statuten
uund Geschaͤstsführung, durch die Höhe der den einzelnen Zweigen zugewandten Mittel,
durch die richtige Aneinanderpafsung der Aktiva und Passiva möglichst in den Hinter⸗
grund geschoben oder ganz beseitigt werden. Das Verhältnis der kürzer fälligen Ver—
dindlichkeiten zu den rasch realisierbaren Mitteln ist auch hier das Entscheidende.
Jede Effektenbank muß möglichst ein großes eigenes Kapital, eine große Reserve
haben, die beide ihr nie entzogen werden können; sie darf gar keine Noten ausgeben
uͤnd darf ebensowenig zu viel kurzsichtige Accepte auf sich laufen haben; die Zahl der
Depositen, die ihr täglich abverlangt werden können, darf nicht zu groß sein; sie nehmen
besser daneben auch einmonatlich, halbjährlich kündbare; ihre Lombard- und Report⸗
anlagen werden groͤßer sein dürfen als bei der Notenbank, aber die Anlage in guten
Wechseln ist auch für fie das Sicherere; ein großer Posten Aktien und Effekten u. s. w.
liegt im Wesen der Effektenbank. Ich füge die Hauptposten der Jahresausweise des
deutschen OÖkonomist für die deutschen Effektenbanken nach drei Jahren bei.
Aktiva in Millionen Mark.
Zahl der Lombards Effekten⸗, Hypotheken⸗ Diverfe
Banken Kasse Wechsel einschl. Reports abae adeleitiungen Debitoren
1883 71 100 458 228 247 886
881 95 206 798 306 .7 13685
1900 118 321 1593 597 741 3602
Passiva in Millionen Mark
Vdaner Aktienkapital Referve Kreditoren Devpvositen Accepte ———
888 71 705 90 498 250 346 49 6,99
891 95 1058 191 808 385 503 64 611
1900 148 1959 394 2130 997 1294 140 718
Nach diesen Zahlen sind weder die Lombarddarlehen, noch die Effekten gegenüber dem
eigenen Kapital und der Kasse anormal hoch; die Depositen find durch die Kasse über
oder zu 173, durch Kasse und Wechsel überreich gedeckt; immer aber ist aus diesen
Zahlen die Lage und Liquidität nicht klar zu ersehen, da man nichts Näheres über die
Kreditoren und Debitoren, über die Art der Effekten erfährt, auch aus diesen Zahlen
nicht ermessen kann, welche Gefahren das starke Anwachsen der Accepte in sich schließt.
Der Vorwurf, daß die Effektenbanken das Depositengeschäft nicht gehbrig entwickelten,
erscheint nicht gerechtfertigt; sie haben ihre Depositen 1890—- 1809 um 24400, die
englischen Jointftockbanken nur um 1610/6 gesteigert (Adolf Weber).