248 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. —706
Dutzende in den italienischen Städten, und im 16. Jahrhundert breiteten sie sich dann
casch weiter aus. Es waren Pfandleihhäuser, die ihr Kapital erst durch Geschenke,
Stiftungen, fürstliche und Gemeindezuwendung erhielten, von 1550 an auch gegen Zins
aufnahmen; sie liehen auf ein oder mehrere Monate den kleinen Leuten gegen Pfand,
anfänglich umfsonst, später gegen 8 —15 0/0, die sogenannte Entschädigung. Sie standen unter
der Aufsicht der Bischföfe. Im 17. Jahrhundert verbreiteten sie sich auch im mittleren
Europa, in Deutschland, Frankreich, Flandern, doch gediehen sie in Deutschland nicht
dauernd. Im 18. Jahrhundert wird ihre Errichtung wieder allgemein empfohlen. Es
entstehen auch manche öffentliche, daneben aber auch zahlreiche private Pfandleihgeschäfte,
die z. B. in Preußen 1787 unter strenge Aufsicht gestellt wurden. In Frankreich hatte
die Revolution die zahlreichen öffentlichen Leihhäuser beseitigt, Napoleon stellte sie
wieder her, und man suchte dann mehr und mehr alle privaten Pfandleihgeschäfte zu
hindern. Ihre Verwaltung erscheint aber im 19. Jahrhundert nicht als eine richtige;
sie wird allgemein getadelt. England hat neuerdings nur Privatpfandverleiher, und sie
zelten mit Recht mehr oder weniger als Wucherer. In Deutschland blieb ein gemischtes
System; in den größeren Gemeinden hat man bis gegen 1860 öffentliche Anstalten,
hauptsächlich Gemeindeinstitute zu fördern gesucht. Dann erschien es vielfach mit der
Gewerbefreiheit angezeigt, der Privatthätigkeit freie Bahn zu lassen. Nicht zum Segen
der unteren Klassen hat sich diese seit 1860 sehr ausgedehnt, wenn auch neuerdings
gewisse polizeiliche Erschwerungen und Schranken wieder hergestellt wurden.
Die Sache liegt seit den letzten 30 —40 Jahren so: das Bedürfnis, kleine Dar—
lehen gegen Faustpfänder unter anständigen Bedingungen zu erhalten, hat seit der
Errichtung der genossenschaftlichen Kreditkassen in den Handwerker- und ähnlichen
Kreisen abgenommen; aber es ist doch noch stark in den unteren Schichten vorhanden
und steigt in jeder Notzeit sehr. Besser als die privaten Pfandleiher und Rückkaufs—
händler sind alle öffentlichen Institute, die doch jede Heimlichkeit vermeiden, nirgends
wucherisch die Not ausbeuten. Aber sie leiden daran, daß sie seit Generationen fast
ohne Reform im alten Geleise fortgeführt werden. Sie müßten nach verschiedenen
Seiten reformiert werden, den Charakter von Wohlthätigkeitsanstalten abstreifen, den
von geschäftsmäßigen Kreditanstalten für die untersten Klassen annehmen; sie müßten
neben dem Pfand die Person prüfen, die Pfänder dann nicht bloß bis zur Hälfte des
Wertes beleihen, bestrebt sein, ähnlich wie der Vorschußverein, ihre Schuldner zu heben,
zu erziehen, zu kontrolliexen.
Sie waren einstens und lange ein Fortschritt, aber nirgends verbreitet genug
sie sind jetzt seit zwei Generationen nicht mehr auf der Höhe der Zeit, vielmehr eine ver—
altete Institution, die ebenso oder mehr den Leichtfinn fördert als zu richtigem Kredit—
gebrauch erzieht.
b) Die Sparkafsen. Dreihundert Jahre später als die Begründung von
humanen, gemeinwirtschaftlichen Leihinstituten für die Notdarlehen der kleinen Leute
setzen die Versuche ein, für sie Kassen zu schaffen, die, ähnlichen Charakters, ihnen die
Möglichkeit bieten sollen, ihre kleinen Geldersparnisse sicher, verzinslich anzulegen: die
Sparkafsen. Ihre Anfänge liegen 1763 —-1800, ihre ernstliche Ausgestaltung 1840
bis 1870, ihr Anwachsen zu einer großen volkswirtschaftlichen und socialen Bedeutung
von 1870 bis zur Gegenwart. Und großen weiteren Reformen gehen sie entgegen.
Man könnte fragen, warum die kleinen Leute nicht in Form von Depositen bei
den Bankiers und kleinen Geldverleihern ihre Ersparnisse einzahlten. Die Antwort ist
einfach: sie trauten ihnen nicht, sie kannten sie vielfach auch nicht; soweit sie ihr Geld
bei ihnen einlegten, wurden sie vielfach bewuchert, verloren es in Krisen; der Depositen⸗
zinsfuß war zu niedrig und zu wechselnd, um die kleinen Leute zu locken. Die Banken
konnten meist kleine Einlagen von 15150 Mk. nicht annehmen und verzinfen; auch
heute opfert jede Sparkasse an ihnen durch die Verwaltungskosten mehr, als sie durch
das Ausleihen verdient. In der Zeit, als die Sparkassen begründet wurden, fehlten
in vielen Gegenden auch solche Geldverleiher, hatten die Banken noch nicht ihre zahl—
reichen Filialen; die jetzt mit den Spaärkassen konkurrierenden Kreditgenossenschaften