Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

254 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. (712 
gefaßt. Im Anschluß an das dort Gesagte erörtern wir zunächst die deutschen, über— 
wiegend städtisch-gewerblichen Vorschußvereine, deren Gründung Schulze-Delitzsch zu 
danken ist, und nachher die ländlichen. 
Ein gewisses Bedürfnis für solche Kassen zeigte sich auf dem Kontinent, wo der 
Mittelstand viel stärker sich erhielt, das allgemeine Bankgeschäft spüter und langsamer 
sich entwickelte als in England, relativ früh. Aber man fand nicht die rechte Form 
dafür. Fast zu gleicher Zeit wie die ersten Sparkassen gründeten Fürsten und Menschen— 
freunde gemeinnützige städtische Leihkassen, die halb mit geschenktem Kapital gegen 
billigen Zins ohne Pfand kleinen Leuten mäßige Summen liehen. Aber diese Kassen 
haben 1770 -1850 keinen rechten Erfolg gehabt; sie waren indolent verwaltet; trotz 
der Kreditnot und der Bemühung weiter Kreise brachten sie oft ihre Vereinsbestände 
nicht unter. Erst als Hermann Schulze und seine Freunde in Eilenburg und in 
Delitzsch solche Leihkassen von 1850 ab dadurch zu heben suchten, daß sie die kredit— 
suchenden Kleinmeister zu genossenschaftlichen Trägern und Eigentümern der Kasse 
machten, gewannen sie ein kräftiges Leben. Von 1852—-89 bildeten sich bereits gegen 
200 solcher Vorschußvereine oder Volksbanken in Deutschland. Es waren Genossenschaften 
von Schuldnern, nicht von Gläubigern oder Händlern, die zusammentraten, Kredit 
unter Solidarhaft suchten, von keinem Gläubiger Wohlthaten annahmen, sich selbst 
helfen wollten; sie organisierten sich als Kasse und Geschäft, jeder verpflichtete sich, durch 
tleine monatliche Beiträge einen Stammanteil (ursprünglich wenige Thaler) zu er— 
werben; durch die Solidarhaft und dieses Vereinsvermögen gedeckt, suchten sie Kredit 
bei Kapitalisten in größeren, bei Sparern in kleinen verzinslichen Posten und gaben 
ihren Mitgliedern nun den ihnen nötigen Kredit auf 1253 Monate gegen einfache 
Schuldscheine oder gegen Bürgschaft zu etwas höherem Zins, meist nicht unter 30/0, 
oft bis 7 und 809/0 und 1-17/30/0 Provision. Die rein geschäftsmäßige Verwaltung, 
der Sparzwang, das Princip der Selbsthülfe, die lebendige genossenschaftliche Teilnahme 
aller Mitglieder in der Generalversammlung wirkte sehr günstig; die aufopfernde Thätig— 
fkeit vieler demokratischer Idealisten, welche die Kassen leiteten und doch nur nüchterne 
—0 
hatten, erzeugtke im Zusammenhang mit dem Geschäftsaufschwung und dem bisher un— 
befriedigten Personalkreditbedürfnis der Mittelklassen ein Wachstum ohnegleichen 
hbis gegen 1875: es bestanden nun schon 17—-1800 solcher Kassen in Deutschland, auch 
bereits viele Nachahmungen im Ausland. Von da bis zur Gegenwart aber trat nur 
noch eine langsame, mäßige Zunahme ein. Die Gesetzgebung hatte in Preußen 1867, 
in Deutschland 186851872 und 1889 die Formen rechtlich fixiert, welche Schulze 
und der von ihm gegründete Verband nebst der Anwaltschaft in der Hauptsache geschaffen. 
Die blühenden Vereine waren bald von einigen Dutzend zu einigen Hundert (1900 
durchschnittlich 369), ja die größeren zu einigen Tausend Mitgliedern gekommen; sie 
wurden bald in vielen Städten das einzige oder wichtigste Personalkreditinstitut. Das 
zinfache Geschäft auf Schuldscheine und Bürgschaft trat zurück gegen das Wechsel-, 
Kontokorrent-, Depositen- und Checkgeschäft; die Gelder häuften sich so, daß man sie 
oft schwer unterbringen konnte, sie nun auch in Hypotheken und Effekten anlegte. Die 
Anteile der einzelnen waren auf 2—800 Mark durchschnittlich gestiegen, erhebliche 
Reserven entstanden. Schulze hatte stets auf Erhöhung des eigenen Kapitals gegenüber 
dem fremden, möglicherweise und besonders in Zeiten der Krisis plötzlich abfließenden ge— 
drungen; die Vereine sollten in wenigen Jahren 20—- 285, später womöglich 830 -500/0 
eigenes Kapital zum Ausleihen haben. Die an die Anwalischaft berichtenden Vorschuß— 
vereine zeigen in dieser Beziehung folgendes Bild: 
zoht der 
ereine 
859 80 
870 140 
880 906 
1890 1072 
900 975 
Mitalieder 
18 676 
314 656 
60656 
518 003 
555 049 
Anteile Reserven 
Mill. Mill. 
0.78 9,09 3.04 
20,84 8,64 137,99 
20816309 36444 
117,07 2847 458,82 
149.41 49.25 65337 
Fremdes 
Kavital 
Eigenes Kapital Gewährte Kredite 
im Prozen iver⸗ im Jahre 
hältnis z. fremden Mill. 
27,50 —12,39 
31,87 622,85 
3330 14533 
387 437 
30. 40 240909
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.