256 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. —714
d) Die ländlichen Darlehns- und Sparkassen. Auch für die kleinen
Leute auf dem platten Lande wurden in verschiedenen Ländern humanitäre Leihkassen
Viehleihkassen, Hülfsvereine, in Bayern 1878 Kreishülfskassen) ohne erhebliche Be—
deutung vor 1850 errichtet. Erst der Bürgermeister F. W. Raiffeisen gab dem 1849
begründeten Flammersfelder Hülfsverein zur Unterstützung unbemittelter Landwirte und
dem Heddersdorfer ähnlichen Vereine 1884 eine solche Form und ein solches Leben,
daß von 1860—1880 in der Rheinprovinz und bald auch in den übrigen Teilen des
deutschen Westens zahlreiche ähnliche Vereine entstanden.
Es sind, wie die Schulzeschen Kassen, Genossenschaften von Schuldnern, die unter
solidarischer Haft sich einen besseren und billigeren Kredit, zunächst wesentlich Personal—
kredit verschaffen wollen. Aber fie unterscheiden sich von diesen im übrigen wesentlich.
Wie jene den städtischen Verhältnissen, so haben sie sich den ländlichen angepaßt. Es
sind viel kleinere Vereine, fast immer auf eine Landgemeinde beschränkt, meist nur 50 bis
100 Mitglieder umfassend. Sie geben ihren Mitgliedern durchaus längere Kredite,
oft auf mehrere Jahre, teilweise auch auf Hypotheken, aber überwiegend auf einfache
Schuldscheine, gegen Bürgschaft; sie schließen Wechselgeschäfte ganz aus. Sie prüfen
jedes Gesuch genau, verfolgen jeden Schuldner täglich; sie haben das Recht, jedem
wöchentlich zu kündigen, wenn er sich schlecht hält. Sie geben z. B. ab und zu einem
Trinker ein Darlehen unter dem Versprechen, daß er das Trinken lasse, und haben große
moralische Erfolge so erzielt. Ihre Geschäftsführung ist stets einfach; sie entwickeln
sich nicht wie viele Schulzeschen Kassen zu eigentlichen Banken. Sehr viele wollen
zugleich Sparkassen sein und haben es sehr verstanden, die Spareinlagen des platten
Landes an sich zu ziehen. Mit Erfolg haben viele Kassen begonnen, ihren Mitgliedern
beim Grundstückkauf zu helfen; sie erwerben die sogenannten Steigerungsprotokolle,
sorgen für Zahlung der Grundstückspreise durch Einziehung der Teilzahlungen von
den Erwerbern; sie haben in diesem wie im Viehleih- und sonstigen ländlichen Kredit—
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Prozent den Bauern abnahmen. Ihre ganze Wirksamkeit ruht auf ihrer großen Lokal—
und Personenkenntnis im engsten Kreise.
Entsprechend den christlichen humanitären Gesinnungen Raiffeisens und den
Sitten und Gewohnheiten des platten Landes, dem Nachbar- und Gemeindegeist daselbst
ist die ganze Organisation mehr als die der städtischen Kassen auf sympathischer Nächsten-
liebe aufgebaut. Man hält so weit wie möglich daran fest, daß kein Vorstand und
Auffichtsrat Gehalt und Tantieme erhält, nur bezahlte Rechner sind vorhanden; bei
den meisten Kassen beschränken sich die jährlichen Verwaltungskosten auf 100 —200 Mk.
Daher kann der Kredit durchschnittlich so billig gegeben werden. Zuerst ließ Raiffeisen
die Mitglieder auch keine Anteile erwerben; die seinem Verband angeschlossenen Vereine
haben heute noch nur Anteile von 2—-515 Mk.; in allen werden die Anteile nur mit
dem gewöhnlichen Zinsfuß verzinst: es soll keine Dividendenjagd gezüchtet werden, so
wenig wie ein Streben nach hohen Gehältern und Vorstandstantiemen. Was gewonnen
wird, soll dazu dienen, einen sogenannten Stiftungsfonds und einen möglichst großen
Reservefonds zu sammeln. Der Stiftungsfonds darf nie geteilt werden, er soll bei
etwaiger Auflösung dem allgemeinen Wohl der Gemeinde dienen. Es haben heute viele
Kassen einen solchen nicht mehr; aber alle suchen den Hauptteil des Gewinnes entweder
der Reserve oder der Verbilligung des Kredits für die Schuldner zuzuführen.
Das nötige Kapital haben die Vereine sich zuerst ausschließlich bei wohlhabenden
Nachbarn verschafft und es leicht und zu billigem Zinsfuß bekommen. Sie sind auch
aie in Verlegenheit gekommen, obwohl sie ihr Kapital gegen vierteljährliche Kuündigung
erhielten und es meist auf die doppelt bis zehnfach so lange Zeit hingaben. Als
die Vereine aber sich auch in ärmeren Gegenden ausbreiteten, erhielten diese doch
nicht mehr so leicht das Kapital. Und allerwärts mußte sich in den Kassen der Üübel—
stand zeigen, der in den Schulzeschen durch die Verschiedenheit der socialen Stellung
der Mitglieder vermieden wird, nämlich, daß diese Kleinbauern eines Dorfes fast alle
zu gleicher Zeit im Jahre Gelkd bedürfen und dann wieder übrig haben.