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Die ländlichen Darlehenstassen. 257
So machte sich viel mehr als bei den Schulzeschen Kassen, die meist wohl fundiert,
eher für fich bestehen können, das überflüssige Geld der Landwirte dem Haudwerker
und umgekehrt leihen, das Bedürfnis geltend, in größerem Umkreis zu Geldausgleichs—
stellen und Centralkassen zusammenzutreten, wie eine solche Raiffeisen zuerst 1872 bis
1877 in Neuwied gründete.
Die Entwickelung der ländlichen Kassen bis Mitte der 1880 er Jahre hielt sich in
mäßigen Grenzen. Es waren bis 1885 wohl im ganzen etwa 1200 —1400 Kaffen in Deutsch⸗
land entstanden. Die Frage ihrer Unterstellung unter das bestehende Recht brachte manche
Schwierigkeiten; die Angriffe der Schulzeschen Kassen und ihrer Anwaltschaft hemmten
da und dort: es war ja auch immer ein Kunststück, in jedem Dorf unter den etwas
höher stehenden Bauern und Schriftkundigen, den Pfarrern, Schullehrern, Post—⸗
beamten und ähnlichen Leuten, die sähigen und opferbereiten Leiter für diese Zwerg⸗
banken zu finden. Aber alle Schwierigkeiten wurden nach und nach doch überwunden;
neben Raiffeisen traten andere hervorraäagende Männer in den anderen Provinzen und
deutschen Staaten an die Spitze. Das Gesetz von 1889 erleichterte den Kassen ihre
Eintragung und die Bildung von provinziellen Centralkassen, welche als Genossenschaften
von Genosfenschaften sich konstituierten. Die große landwirtschaftliche Krisis drüngte
zu Reformen, zu Verbesserungen im Kreditwesen, zur Frage der Zinsverbilligung und
zur Wucherbekämpfung noch mehr als vorher. Man sah allgemein ein, daß die hypo—
thekarische Verschuldung in Deutschland eher schon zu weit gehe, daß der Personal⸗
kredit vielfach günstigere Folgen habe, sofern er den Schuldner erziehe und kontrolliere.
Die Regierungen stellten sich der Bewegung freundlich gegenüber, unterstützten die ge—
nossenschaftlichen Centralkassen z. B. in Sachsen 1891, Bayern 1898. In Preußen wurde
als Mittelpunkt der provinziellen Genossenschaftskassen am 1. Oktober 1898 die staatliche
„Preußische Centralgenofssenschaftskasse“ erst mit 8 Mill. Mek. eröffnet, dann mit 20, 40
und 50 Mill. staatlichem Kapital ausgestattet. Durch diese Banken höherer Ordnung kam
jast ein Gründungsfieber zustande; überall sah man durch ihren Rat und Kredit die Sache
erleichtert. Die Zahl der landwirtschaftlichen Darlehens- und Sparkassen stieg von 1885
bis 1900 von etwa 1200 -1400 auf etwa 10 000. Die preußische Centralgenossenschafts—
kasse steht 1901 mit 30 ländlichen und 19 städtischen provinziellen Verbandskassen in
regelmäßiger Geschäftsverbindung, giebt ihnen den Kredit, den die Verbände dann den
einzelnen Genossenschaften weitergeben. Ihr Gesamtumsatz stieg 1895 — 1901 von 141
auf 5862 Mill. Mark. Sie wird von Jahr zu Jahr mehr der Mittelpunkt des ganzen
deutschen genossenschaftlichen Kreditwesens, beherrsche durch ihre Bedingungen und ihren
oliden Geschäftsverkehr die Verbände der Genossenschaften und die einzelnen Genossen—
chaften. Ihr Ziel ist nicht, hohe Gewinne zu machen, sondern möglichst billigen
stredit zu geben,
Auch in Hsterreich, Italien, selbst in Großbritannien und Irland entstand eine
ebhafte Bewegung für solche kleine ländliche Personalkreditkassen genossenschaftlicher Art.
In manchen deutschen Gegenden haben schon 40 — 500/0 aller vörfer sie heute. Geht
die Entwickelung weiler so voran, und halt fie fich in soliven Veahnca, vas zu heffe
ist, so wird bald die Mehrzahl aller kleinen Landwirte und aller großen, die nicht den
aufmännischen Kredit der älteren Banken vorziehen, in dieser Weise mit dem denkbar
dilligsten und bequemsten Personalkredit versehen sein. Und zwar wird zugleich die
Schule des genossenschaftlichen Lebens, die sittliche und technisch geschäftliche Kontrolle
durch die Kafsen den ganzen Bauernstand auf eine höhere Stufe erheben. Es ist eine
Keform von unsagbarer socialpolitischer Bedeutung; es vollzieht sich damit eine Hebung
dr kleinen Leute auf dem Lande, die fast allen Wucher und den größeren Teil ungesunder
bhängigkeit veseitigen wird.
Die Organisation ist einer der wichtigsten Abteilungen oder Flügel im Neu—
and Umbau unserer modernen Volkswirtschaft. Die richtige Centralisation ist hier
derbunden mit voller Selbständigkeit der Ortsorgane; das wichtigste ist der
ebsthuue zu verdanken, die Staatshülfe hat nur an gewissen Punklen eingegriffen.
er wirtschaftliche Erwerbstrieb ist nicht negiert, sondern nur in vollkommenere,
Schmoller. Grundrißz der Volkswirtschaftslehre. II. 126 Nu —