266 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. 724
Anlage sichert die Zukunst, stellt die Leute dem Mittelstande gleich. Andererseits er⸗
möglichen alle diese Beihülfen den Lohndruck und können so dem Arbeiterstand schaden.
Doch wäre es gewiß falsch, sie deshalb schlechthin verwerfen zu wollen; man muß nur
diese ungünstige Nebenwirkung, den Lohndruck zu hemmen suchen. Ein möglichst an
Eigentum und Besitz beteiligter und gut gelohnter Arbeiterstand kann allein Frau und
Kinder davor bewahren, zu früh, zu oft, zum Schaden von Familie und Erziehung
auf Arbeit zu gehen; er allein kann die härteste Seite des heutigen Arbeitsverhältnifses,
die Unsicherheit und zu große Abhängigkeit, überwinden.
Zunächst ist freilich die Mehrzahl der Lohnarbeiter ohne oder ohne erheblichen,
eine Rente gebenden Besitz. Und damit, sowie mit der zunehmenden Zahl verheirateter
Arbeiter, die ihre Kinder wieder Arbeiter werden lassen müssen, ist die Signatur
unseres heutigen Arbeiterstandes gegeben. Darin liegt es begründet, daß die Ordnung
der Lohnfrage und die Erziehung des Arbeiternachwuchses den Kern der socialen Frage
bildet.
2. Außer dieser Unterscheidung der Lohnarbeiter nach ihren sonstigen Einnahmen,
ihrem Alter und ihrem Familienstand gehört aber zu ihrer vollen Charakterisierung
auch eine solche nach ihren ethnischen und psychologischen Eigenschaften, nach ihren
Bildungs- und Kulturverhältnissen. Wir werden die unabsehbare Mannigfaltigkeit
der Zustände am leichtesten überblicken, wenn wir einige der wesentlichsten ethnisch und
historisch erwachsenen Typen des heutigen Arbeiterstandes nebeneinander stellen.
a) In Kolonien, wo man die Sklaverei aufgehoben hat, in wirtschaftlich sehr
niedrig stehenden Ländern, deren Einwohner den sogenannten Naturvölkern noch nahe
stehen, überall wo man Neger oder ähnliche Elemente als freie Lohnarbeiter verwenden
will oder muß, hat man es überwiegend mit Menschen zu thun, welche vielleicht schon
für ihre Eigenwirtschaft zu arbeiten gelernt haben, meist aber auch für sie noch wenig
Fleiß und Energie zeigen, jedenfalls aber der freien Lohnarbeit für andere nicht recht
fähig sind. Sie sind träge, sorglos und kurzsichtig, ihre Bedürfnisse sind gering und
schwer zu steigern, oft mit leichter Arbeit von ein oder zwei Tagen in der Woche zu
befriedigen; häufig ist ein eigener kleiner Besitz für sie ohne weiteres zu erreichen;
einen größeren erstreben sie gar nicht. Die Abneigung gegen eine planmäßige, ihnen
vorgeschriebene, 5—12 Stunden dauernde Arbeit, vollends gegen eine solche in Fabriken,
an Maschinen ist oft unüberwindlich. Nur etwa die gröbste Feld- und Hausarbeit ist
ihnen geläufig; feinere Werkzeuge und Maschinen werden in ihren Händen leicht
unbrauchbar. Daher immer wieder Vorschläge zu irgend einem System des Arbeits-
zwanges. Nur besonders geschickte Maßregeln der Erziehung zur Lohnarbeit, der
Gewöhnung an höhere Bedürfnisse, der Anleitung zu Anstrengung und Fleiß, wie sie
die Holländer in ihren Kolonien anwandten, vermögen langsam Wandel zu schaffen.
Werner Siemens erzählt anmutig, wie er am Kaukasus sich langsam durch allerlei
Lockmittel Lohnarbeiter schuf, z. B. indem er sie an bessere Wohnung gewöhnte, durch
die Eitelkeit und Bedürfnisse der Frauen die Männer so weit brachte, die ganze Woche
in die Fabrik zu kommen.
Sogar von Rußland könnte man sagen, es habe in vielen seiner Teile erst im
letzten Jahrzehnt eigentlich freie Lohnarbeiter erhalten. Die Masse der befreiten
Hörigen waren und blieben an der Scholle und ihrer Eigenwirtschaft haftende Klein—
bauern, ob sie dem Gutsherrn daneben dienten oder als Heimarbeiter gewerbliche
Produkte erzeugten und verkauften oder periodisch auf Wochen und Monate zur Stadt
und in andere Gebiete zogen, um irgend eine Arbeit zu verrichten. Noch jetzt leidet
die dortige Industrie darunter, daß ihre Arbeiter zur Bestell- und Erniezeit in die
Heimat wollen, daß man von ihnen nie weiß, wie lange fie wegbleiben. Schulze—
Bävernitz hält es für einen großen wirtschaftlichen Fortschritt, weun ganze Familien
dauernd sich vom Heimatsdorf löͤsen, sich an die regelmäßige Lohnardeit gewöhnen,
ihre Kinder dazu anleiten.
b) Schon einen abweichenden, wenn auch verwandten Typus von Lohnarbeitern
befitzen jene alten Völker der Halbkultur, wie Chinefen, Japaner u. s. w.. die bet