Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

7285) Ethnische und Kulturunterschiede im Arbeiterstande. 267 
dichter Bevölkerung seit lange an Fleiß, Handwerk, Hausarbeit gewöhnt, meist mit 
zäher Körperkraft ausgestattet, beispiellos nüchtern und bedürfnislos sind. Immer sind 
fie mehr zu Familienarbeit und Hausfleiß als zu geldbezahlter Lohnarbeit in der Unter— 
nehmung zu gebrauchen, widerstreben zunächst ihrer Regel und Disciplin. Uberwinden 
sie diese Abneigung, so werden sie gefährliche Konkurrenten der europäischen Arbeiter, 
werden dann aber auch ganz andere Löhne fordern und erhalten als jetzt. Einzelne 
füdeuropäische Arbeiteriypen, sogar der italienische, nähern sich ihnen. Eine alte Kultur 
hat den italienischen Arbeiter äußerst anstellig und fleißig gemacht, lange Mißwirt— 
schaft hat seine Lebenshaltung tief herabgedrückt; das Leben in der Natur und im 
Hause hat ihm den Typus eines vollen Menschen aufgedrückt, aber er ist kein Fach-, 
sein Teil-, kein Maschinenarbeiter, sondern ein virtuoser Bedienter, Maurer, Erdarbeiter. 
c) Die mittel⸗, nord- und westeuropäischen Lohnarbeiter, zumal die auf dem 
Lande, hatten gegen 170—-1800 noch den Charakter mißhandelter, ganz in den her— 
gebrachten Geleisen der Naturalwirtschaft sich bewegender Höriger. Störrisch, indolent, 
in vielen Gegenden bettelhaft, dem Neuen in Technik und Wirtschaft abgeneigt, durch 
langen Klassendruck bitter und mißtrauisch oder devot und ohne Selbstbewußtfein 
arbeiteten sie vielfach wenig und schlecht. „Wenn der Bauer nicht muß, rührt er 
weder Hand noch Fuß.“ Ohne Schulbildung, mit geringen Bedürfnissen, schlecht genährt, 
oft barfuß, selbst im Winter im leinenen Kittel erschien diese Arbeiterklasse den oberen 
Klassen als das natürliche Fußgestell ihrer Kultur. Man nahm ziemlich allgemein 
an, Armut und Not seien nötig, um sie zur Arbeit zu treiben. Noch bei der amtlichen 
Erhebung über die preußischen Landarbeiter 1849 konstatierte man, daß da und dort 
nach einer guten Kartoffelernte die Tagelbhner nur 228 Tage in der Woche zur Arbeit 
kämen, weil deren Verdienst zum Leben ausreiche. 
In den Städten, in manchen Gewerben waren seit langem etwas höhere Be— 
dürfnisse, größere Geschicklichkeit, bessere Arbeitsgewohnheiten vorhanden, aber träge 
Indolenz sehlte auch da nicht. Erst die Befreiung des Bauernstandes, die Durch— 
führung der allgemeinen Schulpflicht, der Sieg der Geldwirtschaft, die Gewerbe- und 
Niederlassungsfreiheit, die wachsende Konkurrenz und der freie Arbeitsvertrag weckten 
nach und nach von 1789, hauptsächlich aber von 1340 —-1860 an das Selbstbewußtsein 
und die Thatkraft, schufen nach und nach einen wesentlich höher stehenden Arbeiter— 
stand, der aber natürlich nach Rasse, technischer und wirtschaftlicher Entwickelung, nach 
Gegenden und politisch-kirchlicher Umgebung, nach socialen Schicksalen und sonstigen 
Einflüssen doch noch in Europa und den europäischen Kolonialländern in sehr ver— 
schiedene Gruppen und Schichten zerfällt. 
„ ) Zu unterst steht auch heute eine proletarisierte, in der That verelendete Schicht; 
es find Leute, die nur zeitweise beschäftigt find, schlecht genährt, mit niedrigster Lebens— 
haltung, vielfach in die Klafse der Arbeitsscheuen und dauernd Arbeitslosen, ja in die 
der Vagabunden, Diebe und Verbrecher übergehen; viele sind freilich auch bei größtem 
Elend rührend fleißig, arbeiten sich zu Tode. Die erste Art sitzt in den Großstädten, 
die letztere mehr in den Kleinstädten, auf dem Lande, in den Gegenden der Haus— 
industrie, des ländlichen Zwergbetriebes, der parasitischen, auf die villigsten Arbeits- 
kräfte spekulierenden Industrien. Booth berechnet, daß in England von acht Millionen 
männlicher Arbeiter mindestens eine Million dieser tiefsten Schicht angehören; Deutsch- 
land hat wohl einen geringeren Prozentsatz; Italien, Belgien, Holland vielleicht einen 
etwas größeren. Sie fehlt auch in den Ländern neuer Kultur mit Bodenüberfluß, in 
Australien und den Vereinigten Staaten nicht. 
o) Über ihr steht der große Stamm der ungelernten Arbeiter; die ländlichen 
Tagelöhner, auch ein Teil der gewerblichen gehört hierher; aus ihm rekrutieren sich 
meistens die Dienstboten. Ein Teil dieser Schicht kämpft noch mit den modernen 
wirtschaftlichen Einrichtungen, hat die alte Trägheit, die Lässigkeit naturalwirtschaft— 
licher Verhältnisse noch nicht ganz überwunden. Die Lebenshaltung ist mannigfach noch 
eine recht kuͤmmerliche, wie z. B. in Schlefien, im bayrischen Franken, in Thüringen; daneben 
auch wieder eine reichliche, wie im deutschen Nordosten, in Bayern, in Riedersachsen;
	        
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