Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

284 Drittes Buch. Der gefellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [742 
und einen großen Teil der Gesellen sowie für alles Schiffsvolk Kost und Wohnung 
ein Hauptteil des Lohnes; auch für einen sehr erheblichen Teil aller landwirtfchaft— 
lichen Arbeiter erhielt sich selbst in den geldwirtschäftlich entwickeltsten Ländern, wie 
England und den Vereinigten Staaten, die Naturallöhnung bis in unsere Tage vor— 
herrschend oder teilweise. In Deutschland hat der Geldlohn im Südwesten wohl auch 
auf dem Lande im 18. und 19. Jahrhundert gesiegt, im Norden und Osten überwog 
bis in die letzten Jahrzehnte der Naturallohn und zwar häufig in der Form, daß dem 
Arbeiter ein kleiner, eigener landwirtschaftlicher Betrieb, Kuh-, Schweine-, Ziegen⸗, 
Beflügelhaltung ermöglicht wurde, und daß die hiedurch sich ergebenden Beziehungen 
zu seinem Arbeitgeber, wie die hieraus für seine ganze Lebensführung und seine wirt 
schaftlichen Sitten sich ergebenden Folgen überwiegend günstige waren. 
Der niedersächfische Heuerling erhält vom Bauern oder Gutsbesitzer in Pachtform 
Wohnung, Stall, Ackerland von 11/3—2 ha, Wiese und Weideland, jsowie die für ihn 
nötigen Fuhren und arbeitet dafür 100 — 200 Tage; er ist im übrigen ein freier, 
häufig ein trotziger, unabhängiger Mann, ein Gemeindegenofse seines Herrn, mit dem 
er fast stets gut steht; er hat häufig Ersparnisse, geht nebenher auf andere Arbeit, er 
braucht nicht leicht Lebensmittel zu kaufen, nährt sich gut mit seiner Familie, die 
teilweise nebenbei hausindustriellen Verdienst hat. Der Heuerling ist vielleicht der 
glücklichste deutsche Arbeitertypus; er rechnet in Geld, aber seine Beziehung zum Arbeit— 
geber ist durch die Verbindung des Arbeitsvertrages mit der Pacht, durch die An— 
rechnung des Geldlohnes auf die Pacht, durch die glückliche Ineinanderpassung der 
Bauern- und Heuerlingswirtschaft auf ein Niveau gegenseitiger normaler Rücksicht⸗ 
nahme erhoben; es fehlt der Interessengegensatz zwischen ihm und dem Arbeitgeber; 
viele Heuerlingsfamilien sitzen seit Generationen auf derselben Stelle, obwohl sie jähr: 
lich kündigen können. 
Der nordostdeutsche Instmann hat eine ähnliche aber keineswegs gleiche 
Stellung; er erhält etwa zwei Drittel vom Gutsherrn in Naturalien, ein Drittel in Geld; 
und zwar eine herrschaftliche Kate, die Erdruschquote (den 12.—80. Centner, den er 
drischt, 20—70 Centner im Jahre; 25 braucht er für seine Familie, das übrige ver— 
kauft er), oft auch noch in den Schlägen des Gutes wechselnde Stücke Geltreides, 
Kartoffel- und Weideland; er hält bisher meist eine Kuh, Schweine, Ziegen, Hühner, 
Gänse, verkauft ein Kalb, Eier, Geflügel; dafür hat Mann, Frau und ein Dienst⸗ 
bote gegen geringen Geldlohn auf dem Hofe zu arbeiten. Auch er hatte bisher ähn— 
liche Verkaufsinteressen wie sein Herr; er hat sich meist gut genährt, war aber 
schwerfällig, langsam, vielfach in demütiger Unterordnung unter den Gutsherrn, fühlte 
sich nicht so selbständig und unabhängig wie der Heuerling; seine Eigenwirtschaft hob 
ihn wirtschaftlich und moralisch nicht so wie jenen empor, weil sie viel geringer, 
weniger geschlossen und selbständig war. 
Neben ihnen sind noch die Gärtner und Deputanten zu nennen, die schon länger 
in Schlesien und anderwärts an Stelle der Insten traten, in Geld-, Zeit, und Atkord— 
löhnen bezahlt werden, aber gewisse feste Deputate, Wohnung, bestimmte kleine Quan— 
titäten Kartoffeln, Milch u. s. w. vom Gutsherrn erhalten, keine laändliche Eigenwirt⸗ 
schaft mehr betreiben. 
Die ersteren zwei Arten der überwiegenden Naturallöhnung sind im Begriff fich 
aufzulösen; man nahm dem Insten vielfach die Kuhhaltung und damit das wichtigste 
Stück feines Haushaltes und seiner Ernährung; mit dem Maschinendrusch fiel sehr 
häufig die Erdruschquote. Von beiden Seiten zog man den Geldlohn vor; der Arbeiter 
wollte durch ihn unabhängiger werden, der Arbeitgeber freier in seiner Verfügung 
über Land, Gespann, Weide; fremde Wanderarbeiter erschienen ihm bequemer und 
billiger. Alle Naturallöhnung setzt gewisse engere patriarchalische Beziehungen, ein 
gegenseitiges Sich-Schicken und ⸗-Vertragen voraus. Wo der egoistische Erwerbstrieb 
siegte, neue Formen der Technik und des Betriebes, intensivste Wirtschaft eingeführt 
wurden, da bevorzugte man Geldlöhne und kurze Verträge; die Naturallöhnung in 
ihrer alten Form setzt mindestens einjährigen Vertrag voraus.
	        
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