747) Alkkordlohn, Prämien, Gewinubeteiligung. 289
f) Prämien und Gratifikationen, Gewinnbeteiligung. Die eben
besprochenen Einrichtungen führen hinüber zu den Gratifikationen und Prämien, durch
welche hauptsächlich feste Zeitlöhne, aber leilweise auch Akkordlöhne ergänzt werden.
Gratifikationen als freiwillige Weihnachts- oder Neujahrsgeschenke sind in Handels—
geschäften sehr alt; sie sind oft von herkömmlichem Betrag, werden aber in guten
Geschäftsjahren erhöht; ihre vertragsmäßige Festsetzung ist im Fortschreiten begriffen.
Die Prämien werden als Zulagen fur einzelne Leistungen besonders da verabredet, wo
Akkordlohn nicht möglich, aber eine besondere Aneiserung erwünscht ist. Der Brenn—
meister in der Thonwarensabrik erhält für jeden guten Brand eines Ofens eine Prämie,
der Dampfmaschinenheizer für jeden Centner ersfparter Kohlen. Doch werden auch
sonst in der verschiedensten Art Prämien bezahlt da für die Leute, die so und so
viele Jahre im Geschäft sind, dort für die, welche nie zu spät kommen; da für die,
welche Einlagen in die Sparkasse machen, dort für die fleißigsten Kinder der Arbeiter.
Eine besonders in Amerika häufige Form ist, daß nach genauer Prüfung der tech—
nischen Operationen die Zeit festgesetzt wird, in welcher eine Leistung durchschnittlich
gemacht werden kann, z. B. fünf Stunden; wird der Arbeiter in vieren fertig, so
erhält er eine entsprechende Präͤmie; oder es werden vorher die wahrscheinlichen Zeit—
löhne berechnet, tritt dann dagegen eine Ersparnis ein, so erhalten die Arbeiter die
Hälfte davon oder auch das Ganze (gain sharing im Gegensatz zum profit sharing).
Die Gewinnbeteiligung giebt einen Zuschuß nach dem Reinertrag des Geschäftes, die
Prämie einen solchen nach der Arbeitsmehrleistung. Gratifikalionen und Prämien
müssen immer mindestens 5—200/0 der sonst gezahlten Löhne ausmachen, um eine
Wirkung auszuüben.
Den Prämien nahe verwandt sind die Tantiemen oder prozentualen Anteile am
Geschäftsgewinn, welche seit alter Zeit in kaufmännischen Geschäften für die höheren
Gehülfen üblich find. Neuerdings hat man auch versucht, das System der Gewinn—
beteiligung für alle oder wenigstens die besseren älteren Arbeiter durchzuführen. Es
wird teils der Gewinn des ganzen Geschäftes, keils der des speciellen Geschäftszweiges
zu Grunde gelegt, und den Beleiligten nun am Schlufse des Jahres ein bestimmler
Anteil des Gewinnüberschufses zugebilligt, der also in ungünstigen Jahren wegfällt,
in günstigen 8—306/0 des Lohnes ausmacht. Es bestehen jetzt einige hundert meisi
größere Betriebe dieser Art in verschiedenen Ländern, hauptsächlich in Frankreich, Eng⸗
land und den Vereinigten Staaten. Am besten ist die Einrichtung gelungen, wo
Unternehmer und Arbeiter an sich auf gutem Fuße standen; sie hat die Leute zu
größerem Fleiß, zu äußerster Sparsamkeit in Bezug auf das Material, zu guter Be⸗
handlung der Maschinen, zu lebendigem Eigeninterefse am Geschäft erzogen, den
Stellenwechsel vermindert. In manchen Betrieben ist mit zunehmender Leistung der
Arbeiter der Gesamtgewinn erheblich mehr gestiegen als der den Arbeitern bewilligte
Anteil. Dieser Erfolg hängt aber natürlich davon ab, daß die Arbeiler durch die
Gewinnbeteiligung wesentlich andere werden, und daß das Geschäftsresultat hauptsächlich
durch die Eigenschaften der Arbeiter bedingt ist. Die Gewerbe, in denen man Kunst—
produkte, Specialitäten, feine Maschinen und Ahnliches fertigt, werden also besonders
sür das System sich eignen. Unter den Arbeitern, besonders unter den radikalen,
den socialistischen und organisierten hat die Einrichtung viele Gegner gefunden, schon
weil es den Interessengegensatz beseitigt oder mildert, auf dessen Steigerung sie zunächst
bedacht sind; es wird auch betont, daß fie die Teilnehmenden zur Überarbeit veranlaffe,
so die Nachfrage nach Arbeit einschränke. Am ungünstigsten hat es gewirkt, daß einzelne
Unternehmer toͤrichter Weise sie benutzten, um ihre Leute von den Gewerkvereinen ab—
zuhalten oder um eine allgemeine Lohnerhöhung zu hindern. Von manchen Theoretikern
wird betont, daß es keinen Sinn habe, in Zeiten günstiger Lohnkonjunktur eine Er—
höhung der Arbeitereinnahme davon abhängig zu mächen, 'ob der Dirigent seiner Auf⸗
gabe gewachsen sei; sei er unfähig, so erhielien die Arbeiter keine erhöhte Einnahme
r sie sich sehr angestrengt. Dieser Einwurf erscheint besonders für die Induftrien
erechtigt, die Massenartikel verfertigen, in denen Gewinn und Verlust nicht sowohl
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. II. 1.-6. Aufl. 3