Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

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Die historische Lohnbewegung von 1300 - 1900. 
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In einer Woche konnte mit solchem Lohn der Meister kaufen an Kilogramm 
Weizen, Roggen und Gerste: 
1356- 1399 1450 - 1499 1550 - 1599 
150 100 48 
1600 - 1649 1650 -1679 1882 
86 78 78 
Das Sinken des deutschen Reallohnes im 16. Jahrhundert ist auch aus zahl— 
reichen anderen Untersuchungen bekannt, weniger sein Steigen nach dem großen Kriege 
infolge des Menschenmangels. Doch blieb im ganzen die Lebenshaltung der unteren 
Klassen eine geringe, zumal da, wo gegen 1600 der Wochenverdienst des Tagelöhners 
in Roggen auf 40— 50 Kilogramm herabgegangen war, wie ich es für Sachsen be— 
rechnete. Für das 18. Jahrhundert sind 13 — 18 Groschen (S 25 — 30 Kilogramm) 
'm Osten, 80 im Westen als ländliche Löhne überliefert; die Verschiedenheit des Geld— 
lohnes ist keine solche des Reallohnes; in den Städten kommen 30—48 Groschen vor, 
die letztgenannten höheren Sätze in aufblühenden Industrien, wo sie teilweise noch 
höher gehen, bis auf 8, 4 und 5 Thaler in der Woche; 18 Groschen sind gleich 
25 Kilogramm, 4 Thaler — 100 Kilogramm Roggen in der Woche. 
In der ganzen ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben sich die Löhne in 
Deutschland wenig geändert; sie betrugen auf dem Lande täglich 40—–50 Pfennige 
im Osten, 70 — 1006 Pfennige im Westen und in reichen Gegenden; in den not— 
leidenden Gewerben, Spinnerei, Weberei, teilweise noch weniger als vor 1800, in 
anderen aufblühenden schon 1,2, 1,8 Mark täglich, ja teilweise noch mehr, bei 
Roggenpreisen pro Scheffel (oder 40 Kilogramm) zu 2,85—4 Mark. Bei ländlichen 
Löhnen von 8 Mark (580 Pfennigen täglich) verdiente der Arbeiter immer noch über 
10 Kilogramm, wenn der Scheffel 2,5 Mark kostete, nur noch etwas über 20, wenn 
er 4 Mark und mehr stand; die gewerblichen Löhne von 1,8 Mark täglich, 10,8 Mark 
wöchentlich, gaben bei entsprechenden Preisen 160 bezw. 108 Kilogramm. Als 1840 — 
— 
stiegen, vor allem 1845 —1858, wurde die Lage fuür viele Arbeiter äußerst kümmerlich; 
selbst 10,08 Mark wöchentlich gaben bei den damaligen Preisen nur 50 — 60 Kilo—- 
gramm, 8 Mark aber nur 8—10 Kilogramm; es waren die Zeiten, da der 
Hungertyphus auf den deutschen Mittelgebirgen und in Oberschlesien so wütete, daß 
man bei längerer Dauer ein Aussterben ganzer Gegenden befürchten mußte. 
Immer waren das in Deutschland Ausnahmen; ich glaube, daß in Belgien und 
Holland die Löhne damals noch niedriger standen; in Frankreich hatten sie sich feit 
der Revolution wesentlich gebessert. In England war bis 1840 und 1850 die Lage 
der unteren Hälfte des Ärbeiterstandes wohl schlechter als irgendwo auf dem Kon— 
tinent, die Lage der oberen aber schon besser. Tooke giebt für 1804 den Baumwoll⸗ 
spinnerlohn zu 58 Kilogramm, 1814 zu 82,5 Kilogramm, 1828 zu 105 Kilogramm 
Mehl an. Die Handweber freilich waren zu gleicher Zeit von 16 auf 6 Schilling 
wöchentlich (bis 1831) gesunken. 
Die englischen ländlichen Wochenlöhne schätzt Caird, eine große Autorität, im 
Durchschnitte so: 1770 7 Schilling, 1850 fast 10 Schilling, 1880 14 Schilling; aber 
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Weide, billige Wohnung) weggefallen. Das Labour Department setzt den Durchschnitt 
1850 auf 9 Schilling, 1855 auf 11 Schilling, 1899 auf fast 14 Schilling, d. i. 
18355— 1899 ein Plus von 2200; aber damals kostete der Quarter Weizen 74 — 75 
Schilling, heute 25 — 26 Schilling; mit 11 Schilling kaufte man 1885 385 —36 Kilo— 
gzramm, mit 14 Schilling 1809 117 Kilogramm. Der Durchschnitt von 14 Schilling 
setzt sich freilich aus 12 Schilling im Süden, 20 Schilling im Norden zusammen. 
Und alle unparteiischen Berichterstatter bezeichnen 20 Schilling doch noch als nicht 
recht austkömmlich; der ländliche Arbeiter müßte dazu, heißt es, einen kleinen Eigen— 
betrieb oder eine Alterspension bekommen.
	        
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