300 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. 758
Zeugung des Gottes Heimdal mit verschiedenen Weibern, so führt dann die Kirche sie
auf göttliche Anordnung zurück. Dabei erscheinen aber die eigentlichen Lohnarbeiter
lange nicht als ein besonderer Stand; sie werden vom 14. — 18. Jahrhunbert meist
mit den kleinen Bauern, den Handwerkern und Heimarbeitern zusammen als die „armen
Leute“ bezeichnet. Noch für A. Smith sind die Armen und die Arbeiter eins: er
spricht von den „labouring poor“. Ein eigentlicher Lohnarbeiterstand bildete sich ja
auch erst langsam vom 15. — 19. Jahrhundert.
Das öffentliche Bewußtsein und die Wissenschaft kümmerte sich bis ins 18. Jahr⸗
hundert wesentlich nur um die oberen Klassen; ihr Aufsteigen erschien als das gesell⸗
schaftlich Wichtige; die beginnende Bettlerplage führt zu den Armengesetzen, das Sinken
der Lebenshaltung der unteren Klassen wird lange nicht bemerkt; soweit die Geldlöhne
steigen, sieht man darin eine Unbotmäßigkeit, die womöglich durch Lohntaxen zu be—
kämpfen sei. Die Armen, die Tagelöhner, die Bauern werden als „Pöbel“ verachtet,
in den rohen Außerungen ihrer Leidenschaften gefürchtet. Die allerdings meist träge,
unwissende und doch gewaltthätige Masse im Zaum zu halten, erschien als die Haust—
aufgabe von Staat und Kirche.
Der aufgeklärte Rationalismus des 18. Jahrhunderts brachte diese Gedanken dann
in eine Art System. Mandeville lehrt, es sei das Interesse aller reichen Nationen,
daß die große Masse unwissend und arm bleibe; Kenntnisse machten unzufrieden, ein
mäßiger Arbeitslohn hindere Verzweiflung und Kleinmütigkeit, ein zu hoher erzeuge
Faulheit. „In einer freien Nation, wo Sklaverei nicht erlaubt ist, besteht der sicherste
Reichtum aus einer Menge arbeitsamer Armen.“ Die bedeutendsten Schriftsteller der
Zeit vor A. Smith stimmten mit solchen Ausführungen überein. Schon Petty hatte
geklagt, billiges Getreide sei ein Unglück, weil dann der Arbeiter nicht bei der Arbeit
bleibe. Ahnlich Franklin. Temple, de Witt, A. Young schlugen Lebensmittel—
steuern vor, um Fleiß zu erzeugen. Eine tiefstehende Klasse von Arbeitern erschien als
die selbstverständliche und unabänderliche Begleiterscheinung eines Kulturvolkes. Noch
J. B. Say fügt bei, die gedrückte Lage der arbeitenden Klasse sei für die wirtschaftliche
Entwickelung des Landes ein besonders günstiger. die Produktion verbilligender
Umstand.
Bei den edleren Charakteren der philosophischen Aufklärung verbanden sich nun
aber mit der Vorstellung solcher Notwendigkeit doch die Empfindungen des Mitleides
und die Zweifel, ob nicht ein Unrecht, die Möglichkeit einer Anderung vorliege, und
eine andere Erklärung denkbar sei. Tur got hatte 1769 betont, daß der niedrige Lohn
die Folge der Konkurrenz der Arbeiter sei, daß er deshalb nur die notwendigen Unter—
haltskosten decke. Necker schrieb 1775: das Leiden des armen Volkes ist der Reichen
Werk; die kleine Zahl der Reichen hat die Macht, sie kann ihr Gesetz den zahlreichen
unter sich konkurrierenden Arbeitern auferlegen; er spricht von der Härte und Grausam—
keit dieses Zustandes. Auch A. Smith beginnt mit einem unklaren rechtsphilosophischen
Stoßseufzer: wenn es nie ein Boden- und Kapitaleigentum gegeben, hatte der Lohn
stets das ganze Produkt der Arbeit ohne Abzug umfaßt, wäre er stets entsprechend den
Fortschritten der Produktivität gestiegen. So aber habe die zahlreiche unter sich kon—
kurrierende Lohnarbeiterschaft stets den Nachteil, einer kleinen Zahl von Meistern
zegenüberzustehen, die sich leicht stillschweigend verständigten. Aber — und damit geht
er von der pessimistischen in die optimistische Stimmung über — in dem notwendigen
vebensunterhalt für die Arbeiterfamilie liege die Schranke fur das mögliche Mindestmaß
des Lohnes, und häufig stehe er höher, zumal in fortschreitenden Nationen, während
bei stabilem Zustande der Volkswirtschaft die Lage eine kümmerliche, bei rückgehendem
eine sehr traurige sei; da wachse die Bevölkerung, während die Arbeitsgelegenheit ab—
nehme. Mit Hinweis auf das England seiner Tage betont er die Möglichkeit einer
sich bessernden Lebenshaltung, die mit steigendem Lohn den Arbeiter zugleich besser
genährt, fleißiger, energischer, brauchbarer mache, und im übrigen tröstet' er ich mit
dem mechanischen Spiel einer sich selbst regulierenden Menschenzahl. Die Nachfrage
nach Menschen reauliere, wie jede andere die Vroduttin dban sfolchen; je nach dem