Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

759)] Die Lohntheorien bis auf Ricardo und J. St. Mill. 301 
größeren oder geringeren Bedarf an Arbeitern nehme die Bevölkerung zu oder ab. — 
Wir sehen, es handelt sich um die optimistische Vorstellung, das Uhrwerk der wirt— 
schaftlichen Gesellschaft sei von einer gütigen Vorsehung so eingerichtet, daß es durch 
das Spiel der Marktvorgänge stets die rechte Zahl von Waren und Menschen liefere. 
Die in England 1660 —1770 steigenden Löhne bilden den Hintergrund der Auffassung 
A. Smiths. Der Druck derselben von da bis 1850 beherrscht seine nächsten Nachfolger, 
die wie er an der ausschließlichen Erklärung der Löhne durch Marktquantitäten fest— 
halten, jeden Eingriff in dieses freie Spiel der Kräfte verurteilen. 
Ricardo erörtert die Möglichkeit steigender Löhne auf Grund einer rascheren 
Kapital- als Bevölkerungszunahme und mit Hülfe einer Gewöhnung an feinere, höhere 
Bedürfnisse; aber, fügt er unter dem Eindruck des Arbeiterelends seiner Zeit bei, in 
der natürlichen Entwickelung der bürgerlichen Gefellschaft hat der reale Arbeitslohn 
ein Streben zu sinken, das Angebot an Arbeitern steigt rascher als die Nachfrage; die 
Lebensmittelpreise steigen, es beginnt die Gefahr, daß die Unternehmer insolge der 
steigenden Grundrente und der mit den Getreidepreisen steigenden Löhne kleinere Gewinne 
machen; die Kapitalbildung stockt; der gezahlte Arbeitslohn gehört unter die Pro— 
duktionskosten; für das Gesamtinteresse kommt es aber nur auf den Reinertrag der 
Nation an. In dieser letzteren schiefen Wendung schien fast eine Aufforderung zur 
Lohnverminderung oder zur Gleichgültigkeit gegen das Wohl der Arbeiter zu liegen. 
Die Elemente der Smith-Ricardoschen Theorie — Lebensunterhalt als natür— 
licher Preis der Arbeit, Steigen und Fallen je nach Kapital-und Bevölkerungsbewegung — 
übernehmen nun die bürgerlichen und socialistischen Theorien der Zeit von 1820 — 1860, 
die ersteren mit geringem Gedankenreichtum, die zweiten mit utopistischen Schlüssen, 
beide mehr in pessimistischer als optimistischer Richtung sich bewegend. 
Die ersteren sind unter dem Eindruck der Bevölkerungszunahme und des vielfach 
niedrigen Lohnes jener Tage meist ehrlich genug, Ricardos düstere Auffassung weiter 
auszuführen, z. B. J. St. Mill. Nach ihm bestimmt das Verhältnis der Bevölkerung 
zum Kapital den Lohn; ein Sinken der Lebenshaltung sei viel leichter als eine Er— 
höhung; eine Gewöhnung an langsamere Bevölkerungsvermehrung hält er nur für 
möglich, wenn ein gänzlich verändertes Erziehungssystem mit einer großartigen staat⸗ 
äichen Kolonisation zusammentreffe und so andere, höher stehende Menschen schaffe. Die 
Mehrzahl der Lehr- und Handbücher blieb bis in die neuere Zeit in diesen Bahnen. Die 
sogenannte Lohnfondstheorie, die schon A. Smith und Ricardo angedeutet, Senior 
ausgebildet hat, ist nur ein Ableger dieser Auffassung. Sie geht von der Vorstellung 
aus, es gebe für jedes Volk in bestimmter Zeit eine durch volkswirtschaftliche Ursachen, 
wie Gewinnsatz und Teilung der Gesamtproduktion zwischen Kapitalisten und Arbeitern, 
est bestimmte Kapitalsumme, die in Verbindung mit der Zahl der Arbeiter den Lohn 
bestimme; als Foͤlge war gedacht, daß die Kapitalsumme die Lohnhöhe unerbittlich 
reguliere, daß die Forderungen und Vereine der Arbeiter dieselbe nicht ändern könnten, 
daß höchstens ein Teil der Arbeiter auf Kosten der übrigen einen höheren Lohn heraus— 
zuschlagen vermöchte; man suchte die Arbeiter zu überreden, daß hoher Gewinn und 
niedriger Lohn sogar für sie vorteilhaft sei, weil das den Lohnfonds erhöhe. Bei 
manchen Theoretikern nahm die Lehre auch eine optimistische Farbe an: da das Kapital 
rascher wachse oder gar durch seine Verzinsung sich rascher vermehre als die Bevölkerung, 
so müsse die Lage der Arbeiter eine gute sein. J 
Die Lohnfondstheorie ist einmal eine Folge der Überschätzung der Quantitäts— 
wirkung auf den Wert und dann eine Verwechslung der letzten Ursachen, welche die 
Nachfrage nach Arbeit bestimmen, mit einer untergeordneten Mittelursache. Jene liegen 
in der Kaufkraft der Konsumenten für Arbeitsleistungen; nur ein Mittel der Aus— 
ührung hiefür ist das Kapital der Unternehmer; keiner derselben hat sich eine ganz 
este jedenfalls auszugebende Summe für Arbeiterbezahlung reserviert; er zahlt dem 
Arbeiter, was er muß; er stellt soviel Arbeiter an, wie er nach dem Stand der Technik 
und dem wahrscheinlichen Absatz braucht; hat er nicht genügend eigenes Kapital, so 
giebt es ihm der Kredit: er hät nur jederzeit für die nächsten Wochen Disbpofitibnen
	        
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