761)] Die sozialistischen Lohntheorien. 303
Kautskhy konnte 1881 sagen: „der Arbeitsertrag habe der Arbeiterklasse, die das Arbeits—
produkt hervorbringe, zuzufallen“. Die oben schon (S. 273) erörterte Forderung des
vollen Arbeitsertrages für den Arbeiter war bei den Socialisten bis zu Lafsalle die
naheliegende Schlußfolgerung.
Die, welche fie zogen, wollten in stürmisch revolutionärem Geiste das eherne
Lohngesetz zerbrechen, das Lohnsystem beseitigen, eine gesellschaftliche Verteilung nach
dem Bedürfnis oder nach der Arbeitszeit oder der Arbeitsleistung an die Stelle setzen.
Einem Geiste wie Marrx erschien Derartiges doch zu knabenhaft; er will vor allem
praktisch die Revolution und die Neugestaltung der Produktion durchführen, dann werde
sich alles Übrige, besonders die neue bessere Entlohnung der Arbeit von selbst finden.
Er verspottet alle derartigen Phrasen, wie Zerbrechen des ehernen Lohngesetzes, Er—
kämpfung des vollen Arbeitsertrages; er schafft eine neue eigenartige Theorie über die
Notwendigkeit des Lohnsinkens und die Verelendung der Massen, die an einzelnen
Punkten realistischer verfährt als die älteren Socialisten, aber andererseits an dem
Gedanken der Erzeugung aller Güter und Werte durch die Lohnarbeiter festhält, ihn
nicht im Detail untersucht, sondern durch künstliche Konstruktionen und mystische Formeln
zu stützen sucht und maßlos übertreibt.
Marx' Lohntheorie ist insofern nicht ganz leicht darzustellen, als er selbst
in seinen Ansichten wesentlich geschwankt hat, resp. teils als fanatischer Doktrinär, teils
als scharffinniger und wahrheitsgetreuer Berichterstatter schreibt. Ich glaube aber, die
Grundgedanken des ersten Bandes seines Kapitals, der ja allein auf die Massen gewirkt,
sind doch auch in dem zweiten und dritten noch enthalien und lassen sich so zusammen—
fassen: der Arbeiter erhält stets nur seinen gewohnheitsmäßigen Lebensunterhalt; der
Lohn kann etwas steigen oder fallen je nach der Kapitalbildung, den Sitten, dem
Gang der Volkswirtschaft, aber das macht nicht viel aus. Der Kern des Problems
liegt darin, daß aller Wert nur in der Produktionsphase entstehen kann, nicht, wie die
bürgerlichen Theoretiker meinen, in der Cirkulation. Dabei wird nun aber unter der
„gesellschaftlich notwendigen Arbeit“, d. h. der dem heutigen Stand der Technik ent—
sprechenden, bald die Gesamtarbeit aller Beteiligten, bald und häufiger nur die der
ausführenden Lohnarbeiter verstanden; die Kapitalisten und Unternehmer, die Grund—
eigentümer und Rentenbezieher werden im Sinne Thompfons als Nichtarbeiter bezeichnet,
welche das Plus über den Lohn zu Unrecht in ihre Tasche stecken. Die Fiktion Halls,
daß der Arbeiter eine Stunde für seinen Lohn, sieben für den Mehrwert der Kapitalisten
arbeite, ermäßigt Marx in die „Unterstellung“, daß der Arbeiter in sechs Stunden so
viel Wert produziere, daß er und seine Familie davon leben könne, in den übrigen
sechs aber für seinen Anwender Wert schaffe. Ob und wo dies thatsächlich zutreffe,
wird nicht untersucht, und die Erscheinung wird dadurch nicht verdeutlicht, sondern
verdunkelt, daß Marx beifügt, der Arbeitslohn sei nicht, was er zu sein scheine, nämlich
nicht der Preis der Arbeit, sondern der der Arbeitskraft. Das Lohngesetz der kapi—
talistischen Epoche wird dahin formuliert: Nachdem durch Raub und Bauernlegung,
durch Handelsprellerei und Kolonialherrschaft Kapitalisten und Besitzlose entstaͤnden
sind, müssen fich die letzteren, die Arbeiter, von den ersteren beschäftigen lassen; der
Arbeiter schafft im halben Tage, was er braucht und als Lohn erhält, muß aber den
ganzen Tag arbeiten, erzeugt also das Doppelte an Wert, und dieses Plus, diesen
Mehrwert, das Arbeilsresultat der zweiten sechs Stunden des Tages, steckt der Kapitalist
ein, dadurch entsteht erst die große systematische Kapitalanhäufung. Dieser grundlegende
Vorgang erscheint bei Marrbald als etwas Technisch Natürliches, als vdie „Magie“
des kapitalistischen Produktionsprozesses, als ein zufälliger Vorieil für die Käufer der
Arbeit, bald als ein Unrecht, als eine Erpressung.
Indem nun die Fortschritte der Technik, der Kooperation, der Großindustrie das
Produkt vermehren, wird durch die Uberlegenheit des Kapitalisten, durch Verlängerung
der Arbeitszeit, durch Einstellung von Frauen und Kindern statt der Männer, durch
die Anwendung von Maschinen an Stelle der menschlichen Arbeit neben dem absoluten
der relative Mihrwert aeschaffen, d. hwird der dobn weiter zu Gunsten des Kapiialisten