308 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. —766
werden sich stets alle die anbieten müssen, die sonst keine bessere Stelle gefunden,
nichts Specielleres erlernt haben.
Der lebendigste Ausdruck der Größe des Angebots liegt in der Zahl derer, die
zeitweise keine Arbeitsstelle finden, in der Zahl der Arbeitslosen. Die Furcht vor der
Arbeitslosigkeit ist das Gespenst, vor dem jeder Arbeiter zittert, das seine Schwäche
ausmacht. Die zeitweise Zunahme der Arbeitslosigkeit war seit 50 Jahren am stärksten
in den Vereinigten Staaten und England, aber auch in den Großstädten und Fabrik—
bezirken Westeuropas fehlte sie nicht; sie trat zurück zur Zeit der Geschäftsblüte, ohne
zanz zu verschwinden. Ein halb, ein Prozent der Arbeiter müssen in den erwähnten
Ländern wohl jederzeit stellenlos sein; der große Stellenwechsel, die Ortsveränderung,
die Krankheiten, die Saisonarbeit bedingen das. Sobald es aber mehr sind, ent—
steht ein schlimmer Druck auf den Lohn. Ganz sichere Zahlen haben wir nicht, da
die Statistik auf diesem Gebiete noch eine sehr unvollkommene ist. Man zählte in
Deutschland 14. Juni 1895 1,865 9/0, 2. Dezember 1895 4,780/0 der Arbeiter als
Arbeitslose. Für Nordamerika wird die Zahl zeitweise auf 309/0, für England in den
achtziger Jahren auf 7—150/0 angegeben; nach Wood schwankte sie dort 1860 - 1891
in einer Anzahl Industriezweigen zwischen 0,9 (1872) und 4,7 — 80/0 (1867 und
1886). Auf die Ursachen können wir hier nicht näher eingehen; es sei nur bemerkt,
daß die Zahl der Arbeitslosen wachsen kann, weil an sich zu wenig Stellen für den
Betreffenden da find, oder weil Angebot und Nachfrage sich nicht treffen. Dem letztern
Übelstand wird durch die Arbeitsnachweisanstalten besser als durch die ungenügenden
und oft unlauteren privaten Vermittlergeschäfte entgegengewirkt. Vereine der Arbeit—
geber und Arbeiter einerseits, paritätische Vereine und kommunale Amter andererseits
haben begonnen, erstere im einfeitigen Klasseninteresse, letztere im unparteiischen Gesamt⸗—
interesse, den Arbeitsnachweis zu organisieren. Die Entwickelung dieser Organisation
steckt noch in den ersten Anfängen; aber an dem hesftigen Kampf der socialen Klassen
um den Besitz des Arbeitsnachweises sehen wir heute schon, daß mit der Herrschaft über
den Arbeitsnachweis Machtmittel sehr einflußreicher Art gegeben sind, welche sich bis
auf die Lohnhöhe und die Arbeitsbedingungen überhaupt erstrecken. Das ist nur ver—
ständlich, wenn wir im Auge haben, daß es eben so sehr auf die Art und die Dringlichkeit
des Angebots ankommt wie auf seine Größe. Der in unparteiischen Händen unter
Gemeinde- und Staatskontrolle organisierte, über ganze Länder centralifierte Arbeits—
nachweis wird ohne Zweifel künftig nicht bloß einen großen Teil der Arbeitslosigkeit
beseitigen, sondern das ganze Arbeitsverhältnis und die Lohnhöhe bis auf einen ge—
wissen Grad beeinflussen (vergl. unter 8 224 S. 882 ff.).
Ein Teil des Arbeitsnachweises liegt jetzt schon in den Händen der gewerkschaftlich
organisierten Arbeiter. Wir können auf ihre Organisation, deren Verbreitung und Be—
deuütung an dieser Stelle nicht eingehen (vergl. unter 8 226). Wir haben hier nur daran
zu erinnern, daß durch das ganze Gewerkvereinswesen, noch mehr als durch den allge—
meinen Arbeitsnachweis, die Art geändert wird, wie das Arbeitsangebot auf den Markt
sommt und wirkt. Die englischen, gewerkschaftlich organisierten Arbeiter umfassen heute fast
zwei Millionen Arbeiter; diese bieten sich nur zu bestimmtem Lohn an; die Arbeitslosen
erhalten Unterstützung; bei ihrem Anwachsen wird ein Teil ins Ausland befördert.
Hierdurch und durch die organisierten Kämpfe um Lohn und Arbeitsbedingungen werden
nicht nur für die Gewerkvereinsarbeiter, sondern für die ganze englische Arbeiterschaft
günstige Resultate erzielt, welche eben auf der Organisation und Taktik des Angebots,
auf der so bewirkten Machtverschiebung, nicht auf der Zahl der Arbeiter beruhen.
Sind im vorstehenden die wichtigsten Fälle aus neuerer Zeit angeführt, wie
die Wirkung des Arbeitsangebots durch Organisation und Insututionen beeinflußt
werden, so ließen sich daneben aus alter und neuer Zeit noch viele Fälle nach—
weisen, wo moralische Uberzeugungen, Sitte und Recht, Marktordnungen und Kon—
lurrenzregulierung, wirtschaftliche Neb enbeschäftigung und andere Umstände bedeutenden
Linfluß auf die Art und Dringlichkeit ves Angebots ausgeübt baben. Wir geben
darauf aber des Raumes wegen hier nicht näher ein.