7671 Die Organisation des Angebotes. Die Arbeitsnachfrage. 309
J c) Die Nachfrage nach Lohnarbeit setzt sich aus zwei Teilen zusammen.
Diejenige nach persönlichen Dienern und Gesinde, nach Unterbeamten und Soldaten
geht von Personen und Korporationen aus, welche der Arbeit direkt für ihre Zwecke
bedürfen; sie hat eine erhebliche Dringlichkeit und eine relative Gleichmäßigkeit, ist aber
kleiner als der andere Teil der Nachfrage; immerhin umfaßt sie z. B. in Deutschland
(1895) etwa 2—8 Millionen Personen gegen 12,8 Millionen Lohnarbeiter, die in
Unternehmungen thätig sind. Ist die Gesindezahl in Zeiten und Ländern mit einer
zeichen Aristokratie, mit niedrig stehenden breilen Volksmassen und roher Kultur sehr
zahlreich, so geht sie mit höherer Kultur und Arbeitsteilung relativ zurück; aber dafür
wächst sie absolut, und noch mehr nimmt die Zahl der Unterbeamten, Soldaten und
Perfonen in ähnlicher Stellung zu.
Der andere Teil der Nachfrage geht von den Unternehmern aus, welche der
Lohnarbeit in ihren Geschäften bedürfen, um Waren und Leistungen auf den Mackt zu
bringen. Er ist der weitaus wichtigere Teil der Nachfrage, er ist nicht so konstant,
so dringlich, er hängt vom Markt, vom Geschäftsleben, dem Absatz, der ganzen Kon—
sumtion ab. Wir scheiden dabei die Ursachen, welche den Absatz im ganzen bestimmen,
und die, welche speciell die Arbeitsnachfrage beherrschen.
Es ist klar, daß alle Ursachen, welche die Nachfrage überhaupt beeinflussen, mehr
oder weniger auch die Arbeitsnachfrage bestimmen, weil unter den Produktions—
elementen die Arbeit stets eine größere oder kleinere Rolle spielt. Wir werden sagen
können, die Nachfrage nach Waren und Leistungen hänge in jedem Lande a) von
seinem Wohlstande, seiner Konsumtionskraft, seiner Einkommensverteilung, kurz von den
Faktoren, welche wir oben bei der Lehre von der Nachfrage erörtert haben, und
d) von der Aus- und Einfuhr und allen Urfachen, die sie beherrschen, z. B. der
Handels- und Kolonialpolitik, der Seeschiffahrt, dem kaufmännischen Geiste der Nation
ab. Wir werden lehren können, Blüte oder Stabilität oder Rückgang der Volkswirt—
schaft im ganzen sei das Entscheidende, wie schon M. Smith bemerkte; man kann bei—
ügen, keine andere Klasse der Gesellschaft habe deshalb an dieser Blüte ein solches
Interesse wie die der Arbeiter; jede andere, vor allem die Unternehmerklasse, welche im
übrigen die meistbeteiligte ist, habe eher Reserven, könne bei Stockungen und Rückgang
es eher aushalten als der Arbeiter; und es sei daher natürlich, daß die aufsteigenden,
intelligenten Arbeiter Blüte und Stockung der Volkswirtschaft mit dem lebendiagsten
Interesse verfolgen.
Es ist nur ein anderer Ausdruck für dasselbe, wenn man die Stärke der Nach⸗
rage nach Lohnarbeit auf die jeweilige Produktivität der Volkswirtschaft und ihrer
einzelnen Zweige zurückführt. Wenn man fragt, was wir unter dieser Produktivität
zu verstehen haben, so werden wir sagen: a) reiche und in großer Menge vorhandene
Naturkräfte und b) gut geschulte und organisierte, kluge und technisch hochstehende
Menschen seien die Voraussetzung jedes wirtschaftlichen Zustandes, jedes Zweiges der
Volkswirtschaft, dem wir besondere Produktivität nachrühmen. Wo diese Bedingungen
zutreffen, ist reichliche Versorgung, steigende Produktion und Konsumtion vorhanden,
ist deshalb die Nachfrage groß und wöchseub Daher auf gutem Boden (alles übrige
gleich gedacht) höhere landwirtschaftliche Löhne als auf schlechtem, daher in Ländern
mit seit Jahrhunderten stabiler Technik und Betriebsformen niedriger Lohn; daher
meist mit steigender Leistungsfähigkeit der Arbeiter steigender Lohn als Folge blühenden
Beschäftslebend und steigender Gesamtnachfrage. Wo trotz reicher Naturschätze deren
Dienste einer steigenden Bevölkerung gegenüber immer karger werden, kann von einem
Jewissen Punkt an die Produktivität abnehmen; man spricht in diesem Fall von dem
sogenannten Gesetz abnehmender Erträge, das nur da nicht in die Erscheinung tritt,
wo die technischen und organisatorischen, die geistigen und moralischen Forischritte
größer find als diese Hindernisse der Produktivitaͤt. In die Schulsprache Thünenß
und der österreichischen Grenznuhentheoreliker überfetzt, heißt das: wo es sich aus
aatürlichen oder iechnischen Ursachen um eine abnehmende Produktivität handelt, ent—
scheidet das Mehrprodukt. das di— zulekt angestellten Arbeiter hervorbringen, den Werl.,