Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

310 Trittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. —[768 
und die hiedurch entstehende Verteuerung kann die Nachfrage einschränken und so den 
Ldohn drücken. Daher die Möglichkeit gedrückter Löhne bei stark steigender Grundrente, 
bei wachsenden Monopolgewinnen der Großunternehmer. 
Ob eine Volkswirtschaft nun aber blühe oder nicht, ein höherer oder geringerer 
Grad von Produktivität bestehe oder nicht, niemals kann die Nachfrage nach Waren 
oder Leistungen zeitlich immer ganz konstant sein; sie muß nach guten und schlechten 
Jahren, nach Hausse- und Baissezeiten schwanken, und das noch mehr in aufsteigenden 
Ländern als in stabilen, weil der Fortschritt sich nur in tastenden, oft auch sich 
überstürzenden Vorwärtsbewegungen vollziehen kann. Die Rückwirkung hievon auf den 
Lohn bildet eine der Haupthärten für den von Tag zu Tag lebenden Arbeiter. Wir 
kommen nachher darauf zurück. 
Haben wir im bisherigen angenommen, steigende und fallende Nachfrage nach 
Hütern bedeute steigende und fallende Nachfrage nach Lohnarbeit, so haben wir jetzt 
zu konstatieren, daß das bis auf einen gewissen Grad, aber nicht überall und jederzeit 
richtig sei. Die Lohnarbeit ist ein Element der Produktion neben anderen; die Lohn— 
arbeit ist teilweise ersetzbar durch Kapital, durch Maschinen. Und wir haben so 
nach den Ursachen zu fragen, die, innerhalb des Rahmens der bisher geschilderten Vor— 
gänge, die relative Stärke der Nachfrage nach Lohnarbeit gegenüber der Rachfrage nach 
anderen Produktionselementen bestimmen. Fassen wir diese zusammen unter dem Be— 
griff des Kapitals, so wird man sagen können, es frage sich, ob jeweilig mehr Pro— 
dukte des Kapitals oder mehr Produkte der Arbeit begehrt seien, ob Kapital oder 
Arbeit unter den Produktionselementen stärker wachse; nach der relativen Größe dieser 
Begehrungen, sowie nach den disponiblen Mengen von Arbeit und Kapital bestimme 
fich die Nachfrage und der Wert der Lohnarbeit. Aber mit dieser abstrakten Formel 
ist das Problem so wenig ganz aufgeklärt, wie mit der an sich richtigen Be— 
merkung, daß überall da, wo technisch sowohl Arbeit als Kapital für denselben Zweck 
angewandt werden kann, die Höhe des Zinsfußes und des Lohnes die Bevorzugung 
des einen oder anderen Produktionselementes bestimme; durch letzteren Satz erklärt es 
fich, daß in einem Lande der billige Lohn z. B. Garten- und Handelsgewächsbau, 
im anderen der billige Zinsfuß z. B. Viehzucht und feine Textilgewerbe hervorruft. 
Um klar zu sehen, müßte man für lange Zeiträume genau verfolgen können, 
wie in den einzelnen Zweigen der Volkswirtschaft sich die Nachfrage nach Kapital und 
Arbeit verschoben hat, und wie derselbe Prozeß sich für die Gesamtheit der nationalen 
Produktion stellt. Man müßte zugleich nach beiden Richtungen verfolgen, wie mit 
der Veränderung der Betriebsformen die frühere Arbeit des Bauern, Handwerkers, Klein— 
händlers sich nach und nach zum Teil in Geldlohnarbeit, für die eine Nachfrage auf 
dem Markt ist, umsetzt; man müßte für jeden Zweig und die ganze nationale Pro— 
duktion jederzeit das Arbeits- und das Kapitalangebot kennen. Vielleicht ist heute 
eine solche Untersuchung voll ständig zu machen noch unmöglich. Wohl aber werden 
wir folgendes sagen können. 
Die technisch und betriebsmäßig vollendetsten Produktionen der großen maschinell 
ausgebildeten Stapelindustrien haben sicher seit 100 Jahren immer mehr an Arbeit 
zespart, an Kapital angewandt. Die Löhne machen heute z. B. in der nordamerikani— 
schen Wollindustrie nur noch 16, in der dortigen Baumwollindustrie noch 2309/0 vom 
Verkaufswert der Produkte aus, während das Verhältnis vor 50 und 100 Jahren wahr— 
scheinlich das dreis und mehrfache war. Anders steht es in anderen Industrien; z. B. 
machen in den schlesischen Kohlenindustrien die Löhne heute noch 416—50 0/0 aus. Es 
früge sich, wie diese Relation in allen Produktionszweigen fich geändert hat. Es früge 
sich dann aber weiter, wie viele Prozente des Einkommens und der nationalen Nachfrage 
z. B. auf Textilwaren fällt, bei denen die Arbeit so sehr durch Kapital ersetzt wurde, 
wie viele auf andere Waren und Leistungen, wo das nicht der Fall ist; z. B. im 
Baugewerbe, in der Landwirtschaft, in vielen Nahrungsgewerben wird das Kapital 
aicht so vorgedrungen sein. Und daneben steht die steigende Arbeitsnachfrage für das 
Verkehrs- und Gastwirtschaftsgewerbe, den Lehret und Beamtenstandeu.s. p Wir werden
	        
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