312 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. —1770
zu betrachten. Diese Versassung entspringt natürlich in ihrem letzten Kerne wirtschaft⸗
lichen Urfachen, so der Natural- und Geldwirtschaft, dem Stande der Technik und
Arbeitsteilung, den Verkehrs- und den Betriebsformen, der Größe der Bevölkerung.
Aber das einzelne derselben ist durch die religiösen und sittlichen Ideen, durch Gewohn⸗
heit und Recht der Zeit geordnet. Und eben durch diese geistigen Imponderabilien
wird der Entwickelungsgang der Verfassung der Bolkswirischaff immer wieder im
einzelnen bestimmt, werden die Angebots- und Nachfragegrößen selbst wieder geändert
»der in ihrer Wirkungsweise modifiziert.
Das Hauptproblem, das zu erklären ist, liegt in den zwei Fragen: warum sank
der Lohn erst 1500 1650 und noch mehr 1750 — 1850, warum stieg er 1880 —18007
Niemand wird es erklären wollen, ohne die großen Veränderungen der volkswirtschaftlichen
Verfassung und der gesamten volkswirtschaftlichen Institutionen herbeizuziehen. West⸗
europa hatte von 1400 —1600 eine wachsende Bevölkerung; die Lage der Bauern ver—
schlechterte sich; die mittelalterlichen, naturalwirtschaftlichen, feudalen Institutionen, die
— sich
bilden, die Geldwirtschaft drang vor, der Kapitalbesitz, der Handel erlangte eine größere
Bedeutung. Ein Stand reiner Geldlohnarbeiter bildete sich langsam im 16., stärker
im 18. — 189. Jahrhundert. Seine Lage wurde eine kümmerlichere als die des ge⸗
drückten Bauernstandes, als die der Zunftmeisler und Gesellen, aus deren geringften
Elementen er hervorging, weil er ohne Organisation und Anlehnung an die alten
Verbände sich in der neuen Geldwirtschaft nicht sofort zurechtfinden konnte. Das
kümmerliche Armenwesen ersetzte ihm nicht, was seinen Vorfahren die Allmende und
das Gemeindeleben, die grundherrliche Verfassung und ihre Unterstützung, was ihnen
die Zunst und die hausindustriellen Reglements gewesen waren. Noch schlimmer als
im 16. Jahrhundert mußte es von 17580 —-1850 werden. Die Bevölkerung nahm in
England, Frankreich, Holland, Deutschland jetzt zu, wie nie früher. Die neuen Formen
— DDDD Kreditwirtschaft
siegte definitiv; die alten Formen des wirtschaftlichen Lebens in Stadt und Land
wurden endgültig beseitigt. Eine Konkurrenz bildete sich auf dem Boden der neuen
wirtschaftlichen Freiheit aus, wie sie bis 1800 nie bestanden hatte. Gerade in dieser
Zeit nahm der Geldlohnarbeiterstand rasch zu. Seine meisten Elemente stammlen noch
ganz — mit ihren Sitten, Ideen, Rechtsvorstellungen — aus der alten Zeit der Natural
wirtschaft, der Stadt- und Zunftverfassung, der patriarchalischen Gebundenheit, der
ocialen Demut und Unterordnung. Und sie sollten sich nun in dieser schneidigen kalten
Zugluft der ungezügelten Erwerbsinteressen, der rücksichtslosen Konkurrenz zurechtfinden.
Der einzelne Arbeiter war losgerissen von seiner Heimat, seiner Familie, seiner Gemeinde,
aus der Gebundenheit der Naturalwirtschaft in die Stadt versetzt; all' der früheren
Stützen und Hülfen beraubt, stand er rat-, hülf-, machtlos, isoliert, fich felbst überlassen,
den rasch sich bereichernden, kaufmännisch rechnenden Arbeitgebern gegenüber. Sollte da
der Lohn, die Lebenshaltung nicht sinken?
Aber in dem Maße, wie die Geldwirtschaft sich durchsetzte, das Armenwesen
reformiert wurde, der Staat die schlimmsten Mißbräuche der neuen Arbeitsverfassung
bekämpfte, der Arbeiter als Stand sich zu fühlen begann, sich organisierte, konnte es
besser werden, wurde es, wo günstige Konjunkturen hinzu kamen, besser. Das Steigen
der Löhne 1830 -1900 wurde so möglich.
Versuchen wir, in diesen allgemeinen Rahmen des Bildes nun noch einige festere,
klarere Striche einzuzeichnen. Beginnen wir mit einem Worte uüber Stabilidät und
Lohnschwankungen früher und in der Gegenwart. Es ist das einer der wichtigsten
Punkte und einer derjenigen, in denen das Arbeitsverhältnis so ganz verschieden, je nach
den Menschen und Institutionen, gestaltet werden kann.
a) Die Löhne haben stets eine gewisse Tendenz, sich im Anschluß an die be—
stehende Lebenshaltung auf gleichem Niveau zu halten. Eine solche war früher in
viel stärkerem Maße vorhanden, aber sie zeigt sich auch noch in der Gegenwart sehr
vielfach und für längere Epochen. Der Lohn wird sich jedenfalls im ganzen auf