Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

312 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. —1770 
zu betrachten. Diese Versassung entspringt natürlich in ihrem letzten Kerne wirtschaft⸗ 
lichen Urfachen, so der Natural- und Geldwirtschaft, dem Stande der Technik und 
Arbeitsteilung, den Verkehrs- und den Betriebsformen, der Größe der Bevölkerung. 
Aber das einzelne derselben ist durch die religiösen und sittlichen Ideen, durch Gewohn⸗ 
heit und Recht der Zeit geordnet. Und eben durch diese geistigen Imponderabilien 
wird der Entwickelungsgang der Verfassung der Bolkswirischaff immer wieder im 
einzelnen bestimmt, werden die Angebots- und Nachfragegrößen selbst wieder geändert 
»der in ihrer Wirkungsweise modifiziert. 
Das Hauptproblem, das zu erklären ist, liegt in den zwei Fragen: warum sank 
der Lohn erst 1500 1650 und noch mehr 1750 — 1850, warum stieg er 1880 —18007 
Niemand wird es erklären wollen, ohne die großen Veränderungen der volkswirtschaftlichen 
Verfassung und der gesamten volkswirtschaftlichen Institutionen herbeizuziehen. West⸗ 
europa hatte von 1400 —1600 eine wachsende Bevölkerung; die Lage der Bauern ver— 
schlechterte sich; die mittelalterlichen, naturalwirtschaftlichen, feudalen Institutionen, die 
— sich 
bilden, die Geldwirtschaft drang vor, der Kapitalbesitz, der Handel erlangte eine größere 
Bedeutung. Ein Stand reiner Geldlohnarbeiter bildete sich langsam im 16., stärker 
im 18. — 189. Jahrhundert. Seine Lage wurde eine kümmerlichere als die des ge⸗ 
drückten Bauernstandes, als die der Zunftmeisler und Gesellen, aus deren geringften 
Elementen er hervorging, weil er ohne Organisation und Anlehnung an die alten 
Verbände sich in der neuen Geldwirtschaft nicht sofort zurechtfinden konnte. Das 
kümmerliche Armenwesen ersetzte ihm nicht, was seinen Vorfahren die Allmende und 
das Gemeindeleben, die grundherrliche Verfassung und ihre Unterstützung, was ihnen 
die Zunst und die hausindustriellen Reglements gewesen waren. Noch schlimmer als 
im 16. Jahrhundert mußte es von 17580 —-1850 werden. Die Bevölkerung nahm in 
England, Frankreich, Holland, Deutschland jetzt zu, wie nie früher. Die neuen Formen 
— DDDD Kreditwirtschaft 
siegte definitiv; die alten Formen des wirtschaftlichen Lebens in Stadt und Land 
wurden endgültig beseitigt. Eine Konkurrenz bildete sich auf dem Boden der neuen 
wirtschaftlichen Freiheit aus, wie sie bis 1800 nie bestanden hatte. Gerade in dieser 
Zeit nahm der Geldlohnarbeiterstand rasch zu. Seine meisten Elemente stammlen noch 
ganz — mit ihren Sitten, Ideen, Rechtsvorstellungen — aus der alten Zeit der Natural 
wirtschaft, der Stadt- und Zunftverfassung, der patriarchalischen Gebundenheit, der 
ocialen Demut und Unterordnung. Und sie sollten sich nun in dieser schneidigen kalten 
Zugluft der ungezügelten Erwerbsinteressen, der rücksichtslosen Konkurrenz zurechtfinden. 
Der einzelne Arbeiter war losgerissen von seiner Heimat, seiner Familie, seiner Gemeinde, 
aus der Gebundenheit der Naturalwirtschaft in die Stadt versetzt; all' der früheren 
Stützen und Hülfen beraubt, stand er rat-, hülf-, machtlos, isoliert, fich felbst überlassen, 
den rasch sich bereichernden, kaufmännisch rechnenden Arbeitgebern gegenüber. Sollte da 
der Lohn, die Lebenshaltung nicht sinken? 
Aber in dem Maße, wie die Geldwirtschaft sich durchsetzte, das Armenwesen 
reformiert wurde, der Staat die schlimmsten Mißbräuche der neuen Arbeitsverfassung 
bekämpfte, der Arbeiter als Stand sich zu fühlen begann, sich organisierte, konnte es 
besser werden, wurde es, wo günstige Konjunkturen hinzu kamen, besser. Das Steigen 
der Löhne 1830 -1900 wurde so möglich. 
Versuchen wir, in diesen allgemeinen Rahmen des Bildes nun noch einige festere, 
klarere Striche einzuzeichnen. Beginnen wir mit einem Worte uüber Stabilidät und 
Lohnschwankungen früher und in der Gegenwart. Es ist das einer der wichtigsten 
Punkte und einer derjenigen, in denen das Arbeitsverhältnis so ganz verschieden, je nach 
den Menschen und Institutionen, gestaltet werden kann. 
a) Die Löhne haben stets eine gewisse Tendenz, sich im Anschluß an die be— 
stehende Lebenshaltung auf gleichem Niveau zu halten. Eine solche war früher in 
viel stärkerem Maße vorhanden, aber sie zeigt sich auch noch in der Gegenwart sehr 
vielfach und für längere Epochen. Der Lohn wird sich jedenfalls im ganzen auf
	        
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