7711 Hauptursachen der Lohnhöhe von 18600— 1900. Die Lohnschwankungen. 313
derselben Höhe erhalten, wenn Angebot und Nachfrage in ihrer Größe, ihrer Dring-
lichkeit, ihrer Organisation und Macht selbst dieselben bleiben oder in gleicher Pro—
portion sich ändern.
Die Tendenz in dieser Richtung des Beharrens wird dadurch befestigt, daß bei
einem solchen Zustande die Lebenshaltung für den Arbeiter und die Arbeitskosten für
den Unternehmer dieselben bleiben, daß die Löhne sich allen Preisen und Produktions-
verhältnissen und diese ihnen sich angepaßt haben. Es handelt sich um einen Gleich—
gewichtszustand, dessen Aufrechterhaltung zunächst allen Beteiligten in gewissem Sinne
erwünscht sein muß. Ein hergebrachter Lohn gilt leicht an sich bei Unlernehmern und
Arbeitern als das Normale, ja als das Gerechte. Vollends so lange man die Ursachen
und Gesetze aller Preisveränderung noch nicht recht kannte, erschien die Aufrechterhaltung
bestehender Löhne (natürlich im Sinne der Nominallöhne, deren Unterschied von den
Reallbhnen man lange nicht kannte) als die richtige Socialpolitik.
Niemals aber war dies auf die Dauer ganz möglich. Wohl können die kleinen
Schwankungen vermindert und zeitweise verhindert werden, nicht aber die größeren
und dauernden, auf erhebliche Ursachen, auf starke Anderungen des Angebotes und der
Nachfrage, der ganzen Volkswirtschaft und ihrer Versassung zurückgehenden.
In der ganzen älteren Zeit freilich, etwa bis 1700 ja 1800, war alle Lohn—
bewegung eine gehemmte. Schon die Naturalwirtschaft mit ihrer Stabilität be—
stimmter Darreichungen schuf für einen großen Teil der Löhne feste, oft seit Jahr—
hunderten unveränderte Sätze und Zuwendungen. Die ganze Gebundenheit der ländlichen
Betriebe, die zunft- und hausindustrielle Verfassung mit ihren Lohntarifen, die
Bauern- und Gesindeordnungen hemmten die Bethätigung der sich ändernden Angebots—
und Nachfrageverhältnisse. Sitte und Billigkeit wirkten der Arbeitsentlassung in flauer
Zeit entgegen; der Arbeitgeber erwartete aber auch, daß der Arbeiter in der Hausse
nicht viel mehr verlange. Alles das konnte freilich nicht hindern, wie wir sahen, daß
im 16. Jahrhundert die Reallöhne sanken, wie sie vorher zeitweise gestiegen waren.
Immer jedoch geschah dies in gewissen Grenzen und war häufig verschleiert durch die
erhaltene Stabilität der Nominallöhne. Ein reiner Geldlohnarbeiterstand bildete
fich damals eben erst; in manchen seiner Teile blieb er durch die ältere Arbeitsverfassung
geschützt, oder war er durch das neue Aufsteigen der Industrie bevorzugt. In seiner Masse
aber sank der Arbeiterstand dann von 1750 — 1850, als die alten schütze nden
Ordnungen ganz fielen, als die Lehre von dem Segen eines unbedingt freien Spieles
der wirtschaftlichen Kräfte sich in die Wirklichkeit umsetzte. Das Recht, die Wirt—
schaftslehre und die unter dem Konkurrenzdruck wachsende Härte der rein geschäftlichen
Arbeiterbehandlung beseitigten die früheren persönlichen patriarchalischen Beziehungen
zwischen dem Arbeitgeber und dem Arbeiter. Beide Gruppen standen sich nun mehr
und mehr als getrennte, ja teilweise als feindliche Klassen gegenüber. Der Geldlohn
wurde für den Unternehmer, wo schrankenlose und rücksichtslose Konkurrenz waltete, zu
einem Posten der Rechnung für so und so viel Hände, an dem er durch geringere
Arbeitskräfte, Kinder- uͤnd Frauenarbeit, rücksichtslose Entlassung, wo es ging, sparte.
Es entstand im Laufe des 19. Jahrhunderts der Lohnkampf mit seinen Schwankungen,
seinen Härten, seiner Bitterkeit. Der Arbeiter erfuhr jetzt erst, wie leicht ihn die
tägliche Entlaßbarkeit zum Bettler machen könne.
Der Wechsel der Hausse-und Baissekonjunktur, die Krisen, die stoßweise
Entwickelung der modernen Volkswirtschaft haben wir in ihrer unheilvollen Wirkung auf
die Löhne schon mehrfach berührt. Wir sahen, wie durch sie schnell und stoßweise die
Nachfrage sich ändert, die Arbeitslofigkeit zu oder abniimmt. Die Löhne steigen und
fallen hiedurch von Jahr zu Jahr oder in Cyklen von mehreren Jahren starker, al—
es auch der bessergestellte Arbeiter aushalten kann. Die englischen Schiffskesselbauer
haben in den letzten Jahrzehnten in ihrem Jahresverdienst zwischen 50 und 300 Pfd.
Sterling geschwankt. Man würdigte die Bedeutung solcher Schwankungen lange nicht
recht; man itröstete sich mit dem liberalen Dogma, das freie Spiel der Preise müffe
auch auf dem Lohnmarkt herrschen, der Arbeiter müsse sich in den guten für die