Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

314 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Proztß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. 772 
schlechten Jahre entschädigen; es sei eben richtig, daß mit wechselnder Nachfrage nach 
Waren und Arbeit auch der Lohn entsprechend schwanke. Von diesem Standpunkt 
aus erschienen die gleitenden Lohnskalen, welche besonders 1860 —1880 in einigen 
Stapel⸗ (Kohle, Eisen, Baumwollgarn) -Industrien, hauptsfächlich Englands, sich 
bildeten, welche auf Grund kollektiver Verträge die Löhne entsprechend der Höhe der 
Warenverkaufspreise (und damit indirekt entsprechend der Höhe der Unternehmer⸗ 
zewinne) schwanken ließen, als die Lösung des Lohnproblems. 
Es liegt in dem System gleichsam eine allgemeine Gewinn- und Verlustbeteiligung 
der Arbeiter einer ganzen Industrie. Die Voraussetzungen des Gelingens sind nicht 
einfach, aber doch ab und zu erfüllbar: eine feste Organisation beider Teile, feste 
Traditionen in den Lohntarifen, ein thatsächliches Schwanken der Unternehmergewinne 
nach den Preisen, endlich aber die Möglichkeit, daß die Arbeiter die Lohnreduktionen 
in Zeiten der tiesen Preise aushalten oder vielmehr sich gefallen lassen. Die Löhne 
haben bei diesem System innerhalb weniger, Jahre oft wie 1: 2 geschwankt. Es 
ist kein Zweifel, daß die hierauf bezüglichen Übereinkommen zeitweise die Lohnstreitig— 
keiten glücklich beseitigt haben und den Unternehmern ihre Stellung wesentlich er— 
leichtert, den Arbeitern eine billige Teilnahme am Gewinn verschafft haben. Doch 
waren erstere stets zufriedener mit der Einrichtung als letztere. Unter den Arbeiter— 
führern waren von Anfang an manche nicht einverstanden, und ihre Auffassung hat 
aneuerdings mehr Beifall gefunden. Sie betonen hauptsächlich, daß die Lohnreduktion 
bei fallender Konjunktur nach diesem mechanischen System für die Arbeiter unerträglich 
sei; Löhne, die zum Leben ausreichten, müßten jederzeit bleiben. Die bestehenden Lohn— 
skalen wurden daher mannigfach 1880—1900 wieder beseitigt. Es ist die Frage, ob 
das Princip überhaupt richtig ist, die Löhne ganz ähnlich wie die Gewinne schwanken 
zu lassen. Nur besitzende Klassen, und etwa Arbeiter mit großen Reserven, halten 
solche starken Schwankungen aus. Der gewöhnliche Arbeiter hat mehr Vorteil, wenn 
die Löhne weniger schwanken, wenn sie jedenfalls möglichst selten und kurz unter das 
Maß auskömmlicher, ihrer Lebenshaltung angepaßter Lohne herabgehen. Daher neuer— 
dings in England der starke und berechtigte Kampf für die „living wages“, die 
Agitation für Erhaltung von Minimallöhnen, zu deren Zahlung sich zahlreiche Staats— 
und Kommunalbehörden schon verbindlich gemacht haben. Es dürste auch für die 
Politik der organisierten Arbeiter das Richtigere sein, nicht in jedem Moment die 
zeweilige Macht terroristisch zur Geltung zu bringen. Durch leidenschaftliche Über— 
spannung der Machtsiege schadet sich, wie in der Politik, so auf dem Markte häufig der 
Sieger mehr, als er sich nutzt, weil er eine entsprechende Reaktion erzeugt. Vernunft, 
Billigkeit, Gerechtigkeit soll hier wie überall zum Siege kommen. 
Tharsächlich haben nun auch in den meisten Staaten die kleinen Lohnschwan— 
kungen, entsprechend der Konjunktur, nicht solchen Umfang erlangt wie in den Ver—⸗ 
einigten Staaten und in England. Und aus letzterem Lande wird neuerdings vom 
Arbeitsamte berichtet, daß die erheblicheren Lohnschwankungen sich seit Jahren eigentlich 
auf die Berg-, Maschinen- und Schiffsbauarbeiter beschränken. Vielleicht ist das zu 
viel gesagt; die Heuer des Schiffsvolks z. B. pflegt überall auch sehr zu schwanken, 
vielfach auch die Löhne der Baugewerbe. In vielen Gewerben und hauptsächlich in 
der Landwirtschaft zeigen sich aber nur geringe Schwankungen und wobl durchweg 
geringere, als sie dem Angebot und der Nachfrage entsprächen. 
An vielen Stellen ist auch heute noch die Sitte und Billigkeit stärker als die 
Konjunktur. An anderen wirkt die Organisation der Arbeiter dem Sinken entgegen; 
wo künftig ein guter Arbeitsnachweis oder gar eine Arbeitslosenversicherung besteht, 
wird der Druck des Überangebotes stark abgeschwächt. Lohntarifverträge jür eine Anzahl 
Jahre können viel Gutes im Sinne einer größeren Stabilität der Loöͤhne wirken. 
Eine vollständige Beseitigung aller Lohnschwankungen aber ist in der 
heutigen Volkswirtschaft nicht möglich und auch socialpolitisch nicht wünschenswert. Die 
Lohnschwankungen sind unentbehrlich als Regulatoren der Arbeiterwanderungen, des 
Zu⸗ und Abganas der Arbeiter in den einzelnen Berufszweigen. Sie können aber auch
	        
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