316 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. —(774
wie 1840 - 1860; er wird mißlingen oder nur halb gelingen, wenn die Konjunktur
ihm weniger günstig ist, wie 1800 —1840 in England. Bei einer dauernden Ver—
hilligung der Lebensmittel kann der Arbeiterstand leicht seine Lebenshaltung erhöhen,
wenn nur die Bevölkerung nicht infolge der Billigkeit allzu rasch wächst; so hat in
England 18350-1900, in Europa von 1878 —19006 die Verbilligung der Lebensmittel
die Lage des Arbeiterstandes ganz außerordentlich gehoben. Steigt aber zugleich die
Bevölkerung zu rasch, oder sinkt die Nachfrage nach Arbeit, so kann die Verbilligung
der Lebensmittel Anlaß zu dauerndem Lohndruck werden. Vorübergehende Preis—
veränderungen der Lebensmittel haben nicht dieselbe Wirkung wie dauernde. In
Teuerungsjahren schränkt sich leicht die Nachfrage nach Arbeit ein, während das Angebot
wächst; der Lohn sinkt dann vorübergehend. In sehr billigen Jahren verhält es sich
häufig umgekehrt.
Die Geldwertsänderungen haben ähnliche Folgen für den Arbeiterstand wie
die Preisveränderungen der Lebensmittel. Sinkt der Geldwert und steigen alle Preise,
so muß auch der Arbeiter für höheren Lohn kämpfen; erhält er ihn nicht, bleibt er auf
seinem bisherigen Geldlohn, so hat er geringeren Reallohn, muß sich an geringere
Lebenshaltung gewöhnen. Die Herabdrückung des Arbeiterstandes im Laufe des
16.—17. Jahrhunderts in den meisten europäischen Staaten hing mit der Geld—
entwertung eng zusammen; Sitte, Verwaltung und Gesetzgebung fahen die Forderungen
der Arbeiter nach höheren Löhnen als unberechtigte an und wußten sie zum großen
Teile zu hindern. Die Geldentwertung von 1830 —1873 freilich war von einen ent—
sprechenden Steigen der Löhne begleitet, weil die Konjunktur im übrigen den Arbeitern
sehr günstig war, und der moderne tüchtige Arbeiterthpus im Zusammenhang mit den
neuen Arbeitsinstitutionen bereits sich zu entwickeln begonnen hatte. Eine Geld—
entwertung aber, wie der Bimetallismus sie heute wünscht, könnte leicht wieder zu
Ungunsten der Arbeiter ausschlagen. Jedes Steigen des Geldwertes ist dem Arbeiter
zünstig; sein zunächst stabiler Geldlohn hat erhöhte Kaufkraft, und die Herabdrückung
ist nicht so leicht, kann indes stattfinden, wenn das Angebot an Arbeitern zu start
wächst, die Rachfrage abnimmt. Letzteres kann allerdings die Folge lang andauernder
Beschäftsflauheit sein.
So haben die großen Bewegungen der Volkswirtschaft, die großen weltgeschicht⸗
lichen und die kleinen vorübergehenden Konjunkturen, das Steigen und Fallen ves
Geldwertes und der Preise bald günstigen, bald ungünstigen Einfluß auf den Lohn.
Ihr Spiel und ihr Wechsel ist durch keine Wirtschaftspolitik ganz zu beherrschen, nur
teilweise zu modifizieren. Ein Teil des Lohnsteigens oder -fallens bleibt so den unüber—
windlichen Mächten des Schicksals anheimgegeben. Man muß nur dankbar sein, wenn
dieses, wie im ganzen 1850 — 1900 für die Kulturstaaten, die wir im Auge haben.
dem Arbeiterstand günstig war.
Wie gesagt aber erklären diese Ursachen das Lohnsteigen der letzten 50 Jahre
nicht allein. Es geht zu einem erheblichen Teil auf die psychologische und geistige
Hebung des Arbeiterstandes und diese auf die sociale Reform, die verbesserten In—
stitutionen, die steigende Macht der unteren Klassen, die wachsende Einsicht und die
Sympathie der oberen für dieselben zurück. Und diese ganze Ursachenreihe gehört der
Welt des menschlichen Handelns, der Politik an, ist abhängig von Einsicht und Willens—
bestimmung, von Idealen und moralischen Kräften.
Was hat allein die verbesserte allgemeine und technische Schul- und Volksbildung
gewirkt; welche Kräfte hat die Selbsthülse und das Genossenschaftswesen entbunden und
rzogen; wie hat das allgemeine Vereinswesen nach allen Seiten gewirkt; wie hat das
Sparkassen- und Arbeiterverficherungswesen die Leute gehoben und gesichert. Die Aus—
dehnung der politischen Rechte in Gemeinde und Staat hat das Bewußtsein und das
Selbstgefühl gehoben, teilweise ja die Arbeiterpartei schon zu einer gefürchteten Macht
erhoben. Sie haben diese Macht da und dort gemißbraucht aber ohne sie gelänge ihr
Aufsteigen nicht. Welche wirtschaftliche und moralische Erziehungsschule wurden überall
die Fach- und Berufsvereine der Arbeiter. Trotz aller häßlichen und bitteren Kämpfe,