781)] Die historische Entstehung der kirchlichen und Gemeindearmenpflege. 323
private Armenunterstützung. Aber sie hat große staatliche Gesetze und Einrichtungen
doch zum Kern und Mittelpunkt des Armenwesens gemacht; sie fehlen heute auch in
den romanischen Ländern, die keine öffentliche Pflicht der Armenunterstützung im Principe
anerkennen, sondern den Armen auf freiwillige Unterstützung verweisen, nicht.
Die heutige Armenpflege kann definiert werden als die große wirtschaftliche
und rechtliche Institution, als die Summe zusammengehöriger, teils frei—
gefellschaftlicher, teils staatlicher Einrichtungen, welche den Zweck
haben, die Verarmten ohne Gegengabe durch Unterstützungen vor der
äußersten Not zu bewahren und zwar in der Weise, daß die aufgebrachten Mittel
vom Armen nicht als sein klagbares Recht gefordert, sondern ihm von den gesellschaft—
lichen Organen als eine humane und öffentliche Pflicht dargereicht werden und so, daß
immer mehr Staat und Gemeinde mit ihrer öffentlichen Armenpflege nach festen Ver—
waltungsgrundfätzen eintreten und der freien Privat-, Vereins- und kirchlichen Armen—
pflege nur noch bestimmte ergänzende Funktionen überlassen. Die Gemeinde und die
ihr zunächst übergeordneten Selbstverwaltungsorgane wurden die Hauptträger der
Armenpflege, der Staat aber ordnet rechtlich die Ansprüche und die Organe und tritt
für einzelne Zwecke ganz, für andere unterstützend ein. —
Man hat, um die neuere Institution des Armenwesens zu rechtfertigen, sich
bemüht, verschiedene allgemein theoretische, rechts- und wirtschaftsphilosophische Gründe
anzuführen; z. B. daß der Staat das Eigentum nur schützen, die Rechtsordnung nur
aufrechterhalten könne, wenn er jeden vor äußerster Not bewahre, daß er so das zu
geringe Einkommen der unteren Klassen ergänzen müsse, daß gegenüber Zufällen und
Schicksalsschlägen die Gesellschaft die Pflicht einer Gesamthaftung habe, daß die unteren
Klassen das Recht auf Existenz hätten. Solche Theorien sind nicht falsch, aber sie
sagen nicht mehr, als daß im heutigen Staate und in der heutigen Volkswirtschaft eine
den wirtschaftlichen Zusammenhängen entsprechende sociale und staatliche Verpflichtung
zur Armenhülfe vorhanden sei. Als historische Ursachen der Armenpflege hat man das
Christentum und die Reformation genannt, als wirtschaftliche die moderne Produktions—
weise; auch das ist nicht falsch, aber zu generell, so daß nur eine konkrete Ausführung
die volle Wahrheit enthüllt. Wir haben in den einleitenden Worten schon unsere
Ansicht über die Ursachen angedeutet. Wir vervollständigen das Gesagte kurz mit
einigen Worten.
Die christliche Weltanschauung ist der sittliche Boden, auf dem das Armenwesen
der westeuropäischen Kulturvölker sich entwickelte; der Bankerott des mittelalterlichen
gedankenlosen Almosengebens und die Bettlerplage bilden den Anstoß zu den Reformen,
die seit 1800 Platz griffen. In den seit 1506 sich bildenden einheitlichen Staaten
und Marktgebieten mußte, weil eben jetzt das Elend so stieg, weil es aus den immer
enger sich knüpfenden socialen Zusammenhängen, aus der komplizierter werdenden Ge—
jellschaftsverfassung entsprang, weil auf Gemeinde und Staat damals mancherlei bisher
irchliche Pflichten Ubergingen, zumal in den protestantischen Staaten, die moderne,
durch Gesetze geordnete Armenpflege entstehen. Die wirtschaftliche Nötigung zu ihr aber
lag in den damaligen großen Fortschritten der Arbeitsteilung, der Geldwirtschaäft, in
dem Zurücktreten der Natural- und Eigenwirtschaft der Familie. Damals begannen
sich die gesellschaftlichen Kreise zu bilden, die von einem reinen Geldeinkommen leben
sollten, das aber nicht regelmäßig war und nicht regelmäßig sein konnte: die Heim—
arbeiter, die Tagelöhner, die Söldner, später die Manufaktur- und Fabrikarbeiter. Sie
verloren die alte Eingliederung in die naturalwirtschaftlichen Sippen-, Familien-,
Bemeinde⸗ und grundherrlichen Verbände; sie waren noch lange nicht fähig, für die
Zeiten des mangelnden Geldverdienstes zurückzulegen. Wirtschaftliche Umwälzungen,
wie das Bauernlegen, die Entstehung der neuen gewerblichen Betriebsformen,die
Folgen des neuen Verkehrs, trafen sie unvorbereitet; noch halb naiv und gedankenlos
alb roh und wirtschaftlich unerzogen, dem Tage lebend, sanken sie in der 8
Wirtschaftswelt zunächst eher herab, als daß sie tiegen; Trunk- und Genußsucht
Spielsucht und Faulheit nahmen teilweise zu. Das deben vom Tag zum Tage buůeb
21*