Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

324 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. —1782 
das alte, während die neue Wirtschaftsverfassung Vorsorge für Wochen, Monate, Jahre 
forderte. Das Wesentliche war, daß die unteren Klassen die Lebensgewohnheiten und 
Sitten, welche die Voraussetzung leidlicher wirtschaftlicher Existenz in der neuen Geld— 
wirtschaft waren, noch Generationen und Jahrhunderte lang nicht so erlernten wie die 
Mittel- und oberen Stände. So verfielen immer wieder nicht bloß einzelne, sondern 
erhebliche Teile ganzer Gesellschaftsklassen leicht in dem gesteigerten Daseinskampf jener 
äußersten Not, welche zu Versuchen geordneter Armenpflege nötigte. Es ist lehrreich, 
daß noch die beste neuere Statistik über den socialen Stand der Verarmten, die 
schwedische von 1884 -1885, uns zeigt, wie wenige Personen des Bauernstandes bis 
herab zu den kleinen Häuslern der Armenpflege verfallen, wie die reinen Geldlohn—⸗ 
arbeiter die acht- bis zehnfache Zahl der übrigen Klassen zum Heer der Armenunter⸗ 
stützung stellen. Jede Ansäfssigkeit, jede Eigenwirtichaft macht die Verarmung unwahr— 
scheinlicher. 
Es war der erste Eintritt in die moderne Wirtschaftsverfassung, der die 
Bettlerheere, das Lohnsinken und die Entstehung der öffentlichen Armenpflege im modernen 
Sinne zwischen 1600 und 1650 schuf. Es war natürlich, daß der volle Eintritt in 
diese Wirtschaftsverfassung von 1750—1900 die Armut noch mehr steigerte, aber auch 
die armenpflegerischen Reformen zum Abschluß brachte, die von 1660 -1800 gestockt 
hatten; ja eine Reihe von Institutionen (wie Sparkassen-, Genossenschafts-, Versicherungs-, 
Arbeitervereinswesen) begründete, die über die öffentliche Armenpflege hinausführten. 
Es war jetzt erst das volle Verständnis erwachsen, daß die öffentliche Armenpflege in 
ihrem bureaukratisch-kommunistischen Charakter Schattenseiten habe, die bekampft 
werden müssen, daß die Erziehung, die moralische und die geldwirtschaftliche, den 
unteren Klassen allein dauernd Besserung bringen, die Quellen der Massenarmut ver— 
stopfen könne. 
Vom Standpunkt dieses historischen Überblickes verstehen wir auch einigermaßen die 
zahlenmäßigen Nachrichten über die unterstützten Armen zu verschiedener Zeit, in 
verschiedenen Ländern und Landesteilen. In England war die Zahl schon im 16. Jahr— 
hundert sehr groß; wir wifsen, daß sie von 1650 -1700 noch stieg, von da bis 1750 
sank, um dann gewaltig anzuwachsen, bis 1803 auf 120/0 der Bevölkerung, 1815 bis 
auf 15 0/0; dann trat Rückgang bis 1842-1846 auf 80/0, bis 1897 auf 2,7 00 
(J. Januar 1900 797 680 Personen) ein, während in Irland 1891 -18985 nur 2,26, 
in Schottland 2,31 gezählt wurden, in Irland 1871 -1875 gar nur 1,46; das reichere 
England hat trotz seiner großen Armenabnahme noch mehr Arme als die anderen 
ärmeren Konigreiche, die eben nicht so dicht bevölkert und nicht so in die heutige 
Geld- und Weltwirtschaft verflochten sind. In Frankreich zählte man 1881 1885 
3,98, 1894 4,49 0/0, in dem viel ärmeren Hsterreich 18811885 nur 1,20 00. In 
den Niederlanden hat dichte Bevölkerung, früherer großer Reichtum und sein starker 
Riedergang 1780— 1815 sowie ein Ubermaß von Armenstiftungen es gegen 1800 
dahin gebracht, daß in den größeren Städten 17, 25, ja 500/0 der Einwohner irgend 
eine Armenunterstützung bekamen, während die Zahl für das ganze Land sich neuerdings 
dort auf 5,300/0 ermaͤßigte. Norwegen zählte 1895 8,8, Schweden 5,2, Dänemark 
1890 8,39, die Schweiz 1870 4,8, 1890 8,7 0/0 Arme. In Preußen war die Zahl 
ficher bis 1840 viel niedriger, dann aber stieg sie in den ungünstigen Jahren 
1846-1849 auf 5 9/0(776882). Nach der Deutschen Reichs-Armenstatistik von 1888 zählte 
man auf 46,8 Mill. Seelen 886571 direkt und 705 815 Mitunterstützte, zusammen 
4,89 Millionen oder 3,40/0; in Preußen waren es 8,8, in einigen der kleinen Staaten 
1,7, in den Städten über 100000 Einwohner 6,91 (Hamburg 98,6, Straßburg 12,1, 
Metz 15,9), in den ländlichen Gemeinden nur 2,169,0. Gewiß bleibt fraglich, ob 
diese Zahlen alle vergleichbar sind, ob sie auch aus demselben Staat und derselben 
Zeit stammend nicht wegen verschiedener Reichlichkeit der Unterstützung mehr Unter— 
schiede der Armenpflege als der Atlmenzahl andeuten. Ein ungefähres Gesamtbild geben 
fie aber doch. Und es vervollständigt sich, wenn wir hinzufügen, daß einige neu 
dolonisierte Staaten der nordamerikaniischen Union noch gar keine Armen, der' Stact
	        
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