Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

783) Statistik der Armen und Armenausgaben. 
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Neuyork aber schon eine sehr hohe Armenziffer, die Oststaaten neuerdings zeitweise 
förmliche Bettler- und Vagantenheere hatten, welche zu einer ebenso schlimmen Gefahr 
wurden wie die der europäischen Staaten im 16. Jahrhundert. 
Die Armeneinkünfte des Staates Neuyork wurden 1895 auf s Mill. Dollar 
rür die öffentlichen und 14 Millionen für die privaten Anstalten beziffert, auf 4 Dollar 
zusammen pro Kopf angegeben; ein Berichterstatter glaubt, es seien mit der privaten 
Wohlthätigkeit 6 oder 25,2 Mark pro Kopf der Bevölkerung. Die englische Armensteuer 
zeigt folgende Bewegung: 1750 0,5 Mill. M, 1801 4,0, 1818 7,8, 1860 1,4, 1891 
bis 1895 9,2; der gesamte öffentliche Armenaufwand war 1871 —18785 durchschnittlich 
12 Millionen, 1892 -1898 fast 20 Mill. KM, mit der privaten Thätigkeit sicher über 
30, d. h. 400 bez. 600 Mill. Mark. Für Frankreich werden 1888 184 Mill. Franes 
als Ausgabe der Armenanstalten angegeben, wovon auf die Spitäler 111, auf den 
Staat 7,5, die Departements 48,4, die Gemeinden 28,8 Mill. Francs fielen. In 
Italien gaben 1880 die Opere pie 135, die Provinzen 20 und die Gemeinden 63 Mill. 
dire für die Armen aus. In Schweden wurden 1884 auf 4,6 Mill. Einwohner 
9210 Mill. Kronen (gleich 10 -11 Mill. Mark) Armenaufwand berechnet. Für den 
überwiegenden Teil Deutschlands, welcher dem Gesetz von 1870 über den Anterstützungs- 
wohnsitz untersteht, schätzte Adickes den öffentlichen Armenaufwand 1881 auf 50 —60 
Mill. Mark; die Stalistik ergab 1885 für das Reich 92,4 Mill. Mark; es dürften 
heute sicher über 100, mit der Vereins-, kirchlichen und privaten Wohlthätigkeit 140 
his 150 Millionen sein. Der Stadt Berlin kostele das Armenwesen 1806 0,22 Mill., 
1861 1,8 Millionen, 1898 16,2 Mill. Mark. Die öffentliche Armenlast pro Kopf der 
Bevölkerung ist in den meisten Staaten gegenwärtig 2—4 Mark, in Deutschland 
etwa 8, in England etwa 6; mit der privaten, kirchlichen und Vereinsthätigkeit steigen 
die Ausgaben teilweise um die Hälfte, teilweise aufs Doppelte und mehr. Auf den 
unterstützten Armen gab die öffentliche Pflege in Deutschland 1888 40 —57 Mark, in 
Schweden 87, in Norwegen 42 Mark aus. Mit der privaten, kirchlichen u. sJ. w. 
Unterstützung wird man auch wefentlich höher kommen. 
.. Was sagen uns alle diese Zahlen? Wenn wir uns auf einen optimistischen 
Standpunkt stellen wollten, so könnten wir sagen, 25 65/0 der Bevolkerung sei eine 
mäßige Zahl, und sie hätte ja vielfach abgenommen. Wir könnten, was die Lasten 
betrifft, anführen, daß, wenn nach Giffen das englische Einkommen 1888 488 Mill. M, 
die öffentliche Armenlast im gleichen Jahre 18 Mill. F betragen habe, das immer 
etwa nur 3—406/0 ausmache. Aber wir dürfen daber doch nicht vergessen, welch' 
jurchtbares Elend, welche Verzweiflung, welchen Hunger, welche degeneriereude Lebeng— 
haltung und Roheit die 10212 Millionen öffentlich Unterstützter in Europa (8*/0 von 
etwa 357 Milltonen 1890) umschließen; wir dürfen nicht vergessen, daß neben diesen 
die doppelte oder dreifache Zahl von Menschen steht, die der öffentlichen Armenunter— 
stützung nahe sind. Und wir müssen hinzunehmen, daß die Mittel der Unterstützung 
doch noch recht kümmerliche für die vorhandene Not sind, daß es Jahrhunderte bedurfte, 
bis man sie zu regelmäßiger Hebung brachte, bis man halbwegs die richtigen Formen 
für die Finanzierung und Verwaltung des Armenwesens fand. Mäßig gegenüber dem 
Rationaleinkommen, ist der Armenaufwand doch sehr groß und sehr drückend für die Ge— 
meinden, die teilweise an der aͤußersten Grenze der Leistungsfähigkeit angekommen sind. 
Es ist also nicht zu viel, wenn wir die der Armenpflege zu Grunde liegenden 
Thatsfachen als eine große und furchtbare Wunde unseres socialen Körpers betrachten. 
Die Ankläger unserer Gesellschaftsordnung sehen darin mit Recht das Zugeständnis 
rer Unvollkommenheit, das moralische und wirtschaftliche Deficit unferes socialen 
Mechanismus. Andererseits aber liegt in den Bemühungen, eine Armenpflege zu 
zrganisieren, durch sie die Armut zu ündern und ihr vorzubeugen, die nun seit 2000 
Jahren im Gange, seit 400 Jahren energisch von Gemeinde und Staat in Angriff 
genommen sind, doch der Versuch, über das Problem Herr zu werden, mag es auch 
iebt entfernt nicht ganz gelungen sein. Die führenden Kulturvblker haben in ihren 
Religionsinstemen den Vunkt' gefunden von dem aus sie korrigierende Handlungen und
	        
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