340 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. —(798
Durch alle Mißbräuche und Streitigkeiten der verschiedenen Organgruppen hindurch
erreichte das Feuerversicherungswesen 1880— 1900 sein Ziel, die Mehrzahl der Gebäude
und der Mobilien gegen Brändschaden zu versichern; und seine Fortschritte förderten
zugleich die Soliditaͤt'des Bauwesens und das Feuerldschwesen so sehr, daß die großen
Brände, die ganze Dörfer und Städte zerstörten, in Westeuropa immer seltener wurden.
Sehen wir die Resultate kurz an.
In Preußen waren die Gebäude 1816 zu 1418, 1828 zu 8066, 18483 zu 3309,
1861 zu 11948 Mill. Mark versichert; 1828 waren noch 69, 1861 nur mehr 8709/0 der
Versicherungen auf die Societäten gefallen. Für ganz Deutschland schätzte Masius die
versicherten Werte der Gebäude und Mobilien 1846 auf 13 896 Mill. Mark, Emming⸗
haus 1866 auf 80 168. Für Großbritannien führte eine analoge Schätzung 1849
auf 15 120, 1860 auf 24 480, für Frankreich 1861 auf 40403 Mill. Mark. In ganz
inderem Maße nahm sowohl der Wert der gesamten zu versichernden Gebäude und
Mobilien als das Maß der thatsächlichen Versicherung seither zu. Ich führe einige
Zahlen für das heutige Deutsche Reich nach den „Mitteilungen“ und Ehrenzweig an:
Immobilienversicherung Gesamte Feuerverficherungswerte
der öffentlichen Anstalten der großen Anstalten
1866 14864 Mill. Mark 1866 30 163 Mill. Mark.
18886 311918, 1884 78638 , F
1899 47769 1900 138 488 —
Es fielen auf die folgenden Arten von Organen Versicherungssummen:
1884 1890
30 Aktiengesellschaften * 42,0 Milliarden Mark 77,6 Milliarden Mark.
55 Offentliche Anstalten ..29,68 e
17 Gegenseitigkeits⸗Gesellschaften
242 preußische kleinere Vereine.
— 9 12 3* *
79.1 Milliarden Mark 139,7 Milliarden Mark.
Wenn der Chef des reichsstatistischen Amtes, Becker, 1886 das ganze deutsche Volks—
vermögen auf 178 Milliarden anschlug, so sind 782279 an versichertem Gebäude- und
Mobiluarwert eine reichliche, ohne Zweifel dem Gesamtwerte derselben wenn nicht ganz
nahe, doch die Hälfte weit überschreitende Summe. In Hsterreich-Ungarn waren 1890
ür 39,7 Milliarden Kronen bei größeren Anstalten versichert (ohne die sogenannten 269
Bauernassekurranzen); in der Schweiz 1899 für 12,2 Milliarden Francs, wovon 6,8
auf öffeniliche Anstalten, 7,0 auf Aktiengesellschaften fielen. Die Feuerversicherung ist
heute in ganz Westeuropa eine sehr verbreitete, vielfach eine ausreichende; 1897 z. B.
Zaren in Berlin pro Kopf 4250, in Ostvpreuken 1199, in Westfalen 2812 Mark Werte
dersichert.
Rehmen wir hinzu, daß die fämtlichen deutschen Feuerversicherungsanstalten 1900
ein Vermögen von 804 Mill. Mark verwalteten, 267 Mill. Mark Brutto- 188 Mill.
Mark Nettoprämien einnahmen, 120 Mill. Mark Schaden vergüteten, 48 Mill. für
Verwaltung, Abschreibung und Feuerlöschwesen ausgaben, so haben wir das Bild von
einer ganz großartigen wirtschaftlichen Organisation; dabei sind die Kapitalmittel nicht
das Vesentliche; das eingezahlte Aktienkapital beträgt nur 41 Mill.; die Societäten
und Gegenseiligkeitsgesellschaften haben wesentlich nur Garantiefonds und Reserve⸗
tapitalien gesammelt. Die große Leistung liegt in der persönlichen Organisation, die
ine Tod. od jahrige Arbeit der offentlichen und privaten Anstalten geschaffen; Millionen
von Taxierungen und Policen, Tausende von Bränden und Schadenregulierungen
kommen jährlich vor; Brämer rechnet 1894 40 000 Brände in Deutschland. Dabei
oll überall die Gefahr der Überverficherung, der absichtlichen Brandstiftung verhindert
verden. Die staatlichen, kommunalen und Versicherungsorgane haben überall in kom—
plizierter Weise zusammenzuwirken; eine Menge zweifelhafter Rechtsverhältnisse sind
billig und gerecht zu entscheiden.