799) Bedeutung der heutigen Feuerversicherung. Lebensversicherung. 341
Der Rivalitätskampf zwischen den öffentlichen Feuerversicherungsanstalten mit und
ohne Monopol und den Aktien- und Gegenseitigkeitsgefellschaften ist in Deutschland,
Osterreich und anderen Ländern von größtem Interesse. Daß die Alktiengesellschaften
auf das gering eingezahlte Kapital dabei 1860—1890 durchschnittlich 24 -2500 ver⸗
teilten, ist dabei nicht so ins Gewicht fallend, denn bei kleinem Kapital und großer
Arbeitsaufwendung erscheint die Dividendenhöhe, wenn gut gewirtschaftet wird, stets
relativ sehr hoch; schwerer wiegt es, daß die deutschen Aktiengesellschaften 1881 1890
31,80/0, die Societäten 11,30/0 der jährlichen Beiträge für die Verwaltung verbrauchten.
Jedenfalls ist sicher, daß man vielerorts mit den Societäten und am meisten da, wo
sie ein Monopol haben, sehr zufrieden ist. Ebenso wird heute fast allgemein zugegeben,
daß die Konkurrenz auf diesem Gebiete etwas gänzlich anderes ist als auf dem der
gewöhnlichen Warenproduktion. Wir kommen auf diese allgemeinen Fragen zurück.
Hier sei nur noch angemerkt, daß die Ausdehnung der Feuerversicherung und ihrer
Wohlthaten in den Ländern außerhalb Westeuropas noch sehr verschieden ist. In
Rußland z. B. rechnet man heute etwa 800 Mill. Rubel (ca. 632 Mill. Mark) jährliche
Brandschäden, wovon nur 24,7 Mill. durch Versicherung gedeckt sein sollen.
217. Das Lebensversicherungswesen. Die englischen Gesellschaften für
Witwen- und Waisenversorgung sowie für Lebensversicherung begannen
1696-1721 ihre Geschäfte; in Frankreich, Deutschland, den Vereinigten Staaten traten
ahnliche Einrichtungen erst 1820 —1840 ins Leben und blieben bis 1850 in ihrer
Wirksamkeit unbedeutend. Eine wirklich große Entwickelung trat überall erst 1370 - 1900
ein und blieb bis jetzt, von kleinen Anfängen anderwärtis abgesehen, auf die reichen
Staaten beschränkt.
Das Geschäft wurde ursprünglich nur von Altiengesellschaften betrieben, in
Deutschland dann zuerst, wie wir sahen, von soliden gemeinnützigen Gegenseitigkeits—
zesellschaften. In England, Frankreich, den Vereinigten Staaten blieb es stets ganz
überwiegend in Aktienhänden, wurde rein spekulativ kaufmännisch betrieben; auch in
Deutschland traten seit 18801870 die Aktiengesellschaften mehr in den Vordergrund.
Zu Staats- und Korporationsanstalten ist man vor 1880 —-1900 nur ganz beschränkt
gekommen, es handelte sich um die Alterskassen in England und Frankreich, die den
unteren Klassen dienen sollten, aber kaum benutzt wurden.
Das Lebensversicherungsgeschäft stellte sich bis 1870 51880 wesentlich nur in den
Dienst der mittleren und höheren Klassen. Es handelt sich darum, durch einmalige größere,
meist aber durch wiederholte kleinere jährliche, vierteljährliche oder gar wöchentliche
Einzahlungen an die Versicherungsgesellschaft sich ein Recht zu erwerben im Todesfall,
in einem bestimmten Alter, für bestimmte Fälle des besonderen Bedarfs (Aussteuer,
Erziehung, Unfall u. s. w.) eine einmalige größere oder mehrmalige kleinere Summen
Renten, Witwen- und Waisenunterstützungen u. s. w.) zu erhalten. Die praktische
Hauptsache blieb immer die Sicherung einer Summe für den Todesfall; alle anderen
Verträge der Gesellschaften treten dagegen ganz zurück. Die Männer der Mittelklassen
ohne erhebliches Vermögen, aber mit gutem Einkommen suchen so für Frauen und
Kinder zu sorgen. Das Geschäft ist ein viel schwierigeres als das der Feuerversicherung.
Die letztere braucht. im ganzen nur jährlich so viel Beiträge zu erheben, daß sie die
Jahresschäden decken kann und einige Reserven für große Brandjahre erhält; die Lebens—
derficherung muß für Jahrzehnte große Kapitalien durch ihre Prämien und Beiträge
zusammenbringen, um die nach vielen Jahren fälligen Summen zu zahlen. Die Feuer—
versicherung erhebt von Hunderttausenden Beiträge und hat jährlich nur 145200 der
Beitragenden den Schaden zu vergüten; die Mehrzahl der Zahlenden erhält nie eine
materielle Gegengabe; die Lebensversicherung auf den Todesfall hat allen, die die
Prämien fortzahlen, die versicherten Summen zu zahlen; sie ist fuür jeden Einzahler
eine Sparkafse mit Sparzwang; die Berechtigten erhalten nur die gleiche Summe, ob
der Versicherte früh oder spät stirbt. Die Feuerversicherung kennt nach der Erfahrung
der letzten Jahre die Zahl der Brände, die Höhe der zu zahlenden Brandschäden; darnach
und nach der Zahl der Versicherten ist die Prämie unschwer abzustusen. Die Lebens,