346 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. 1804
ihre Beamten- und Agentenscharen praktisch verfolgt. Die ideale, socialpolitische und
principielle Bedeutung der Versicherung liegt darin, daß sie halb auf individualistischer,
halb auf sympathisch-gemeinnütziger Grundlage ruht, die Solidarität und Vergesellschaftung
steigert und doch unter Benutzung der genau beobachteten Erfahrung, der Gefahrengrößen
Leistung und Gegenleistung berechnet. Sie will jedem das Seine nach Rechtsgrundfätzen
geben und läßt doch den Glücklichen mithaften und zahlen für den Unglücklichen. Die
Versicherung hat so eine rein privatrechtlich egoistisfche und eine human gemeinwirtschasft—
liche Seite; für den Geschäftsmann ist das erstere, für den Socialpolitiker das letztere das
anziehendere. In der Korporation und Gegenseitigkeitsgesellschaft wurde das eine, in der
Aktiengesellschaft das andere mehr betont und ausgebildet. Ein gewisser Kampf zwischen
diesen zwei Richtungen mußte naturgemäß die tastenden Versuche der. Ausbildung
begleiten.
Eine Reihe von weiteren Gegensätzen im Versicherungswesen kam zu
diesen wichtigsten hinzu: nicht bloß die kaufmännische Behandlung des Geschäftes und die
korporativ-genoffenschaftliche und bureaukratische bekämpfen sich, nein, ebenso die ganz
freie Konkurrenz und die staatlich regulierte, beschränkte, kontrollierte; der Monopol—
und Beitrittszwang und die freiwillige Teilnahme; die Anstalten des Staates und der
Selbstverwaltung stehen den Aktien- und den freien Gegenseitigkeitsgesellschaften gegenüber;
hier treffen wir eine Zusammenfassung der Geschäfte nach technischen Specialitaͤten und
Berufen, dort nach geographischen Abteilungen; hier große Centralanstalten, die freilich
der lokalen Vertretung nicht entbehren können, dort mehr lokale Betriebe, die aber
auch wieder nach Vereinigung streben. Wir fügen über diese Prinecipienfragen der
volkswirtschaftlichen Organisation, die auch im Arbeiterversicherungswesen eine sehr
große Rolle spielen, nur noch ein paar Worte bei.
Der kaufmännische Versicherungsbetrieb kann individualisieren, sich allen
Verhältnissen anpassen; er hat die technische Ausbildung des Versicherungsgeschäftes am
meisten gefördert, die Gefahr des Verlustes nötigte ihn zu möglichst richtiger Voraus—
berechnung; sein Triebrad ist der Gewinn, den er für Aktionäre, Direktoren, Agenten
herausschlagen will; die Konkurrenz hat ihn aber auch zu Mißbräuchen aller Art, zu
Verschleierungen, ja zu Betrug veranlaßt; all' das konnte so leicht sich einstellen, weil
die Versicherten kaum irgendwo das komplizierte Geschäft, das Pari von Leistung und
Gegenleistung übersehen und durchschauen können.
Der Beamtenbetrieb, wie ihn Staat, Korporation, Genossenschaft, Gegenseitigkeits—
gesellschaft führen müssen, entbehrt der egoistischen Erwerbsabsicht; er will gemeinnützig
chätig sein und wirkt so auch, so weit er ausgezeichnete, ehrliche Beamte hat; in dem
Maße, wie er solcher entbehrt, wird er träge, schablonenhaft, teuer, verschließt sich dem
Fortschritt; die Rückwirkung der Versicherten, der öffentlichen Vertretungen auf diese
Anstalten fehlt ja nie ganz; aber es fragt sich, wie sachverständig und energisch sie ist.
Die Monopolanstalt hat den Vorzug, ohne Konkurrenzkampf und ohne große
Konkurrenzkosten rasch zu Erfolgen zu kommen; hat sie gar das Zwangsrecht zur Teil—
nahme, so kann sie billig arbeiten, und der Zweck der Versicherung wird sicher und
allgemein erreicht. Die freie Versicherungsanstalt ohne Monopol und Zwang dringt
viel langsamer vor, hat teure Konkurrenzkosten, aber ihre Teilnehmer sind überzeugte
Anhänger, nicht widerwillig gezwungene; wer bei ihr versichert, ist in seinen Motiven,
ist wirtschaftlich ein anderer geworden. Konkurrierende freie Anstalten sind immer
gezwungen, durch Fortschritte, durch Entgegenkommen die Versicherten zu gewinnen.
Je größer die Gesahren einer Versicherung sind, je ungleichartiger die Risiken,
desto erwunschter sfind Anstalten mit einer sehr großen Zahl Versicherter und großer
geographischer Ausdehnung; aber je größer sie sind, desto höher sind auch die
Kosten, zumal bei sehr zerstreutem Wohnen der Verficherten. Wenn 25—350 Anstalten
nebeneinander ihre Agenten an jedem größeren Orte haben, so liegt die Frage sehr
nahe, wozu dieser große Apparat; er ließe sich, wenn das Geschäft in derselben Hand
wpäre, auf ein Zehntel der Personen und Koften beschränken. Kleinere, mehr lokale
Versicherungsvereine haben den Vorzug, mit einfachster billigster Organisation, gestützt