382 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [840
Daneben hat die freie Vereinsbildung in den englischen Orden und Gewerkvereinen für
eine Elite der Arbeiter und für den Mittelstand moralisch und geschäftlich gleich gute
Organisationen geschaffen. Im übrigen hat das freie Vereinswesen der Arbeiter meist
in sich nicht die Kräfte gehabt, um aus sich die moderne, versicherungstechnisch aus—
reichende Verwaltung zu erzeugen, ohne welche immer wieder der Bankerott eintritt.
Die Zwangsverficherung und die öffentlichrechtliche Korporation haben ihren
Vorteil in der Ausdehnung der Versicherung, in der Sicherheit des Erfolges, der
gleichmäßig für Kranken-, Unfall-, Witwen- und Waisenversicherung eintritt, in dem Zu—
sammenwirken von Staat, Arbeitgeber und Arbeiter, in der langsam und spät wirken—
den, aber unzweifelhaft alle Volkselemente erziehenden Wirkung; ihre Kehrseite in dem
äußerlich, mechanisch wirkenden Zwang, in dem komplizierten Apparat. Die Organisation,
sowie die Beteiligung der Versicherten an der Verwaltung kann aber eine sehr ver—
schiedene sein. Alle anderen Formen sichern nur eine Elite und stoßen die Masse der
kleinen Leute für die Notzeit ins Armenhaus oder ins Elend, sie vernichten alle
Schwächeren zu Gunsten der Arbeiteraristokratie. Die öffentlichrechtliche Versicherung
mildert den Kampf ums Dasein, sucht auch allen den Schwächeren zu helsen, sie für die
Geldwirtschaft zu erziehen.
Je nach dem Geiste, der in den verschiedenen Formen waltet, nähert sich eine
Form der anderen. Auch wo die eine Form vorherrscht, dringt die andere daneben ein.
Die Länder der freien Privatversicherung haben angefangen, für Bergleute und Seeleute
staatliche Zwangsversicherung zu schaffen. Die private Versicherung der Aktiengesell—
schaften und Vereine kommt überall unter eine steigende, teils fakultative, teils zwingende
Staatskontrolle. Die Kartelle der Versicherungsgesellschaften, die Verbände der Vereine
nähern sich dem allgemeinen Zwangsfystem.
Das private Geschäft und die freien Vereine waren der natürliche Anfang der
neueren Arbeiterversicherung; die staatliche Ordnung und die gemeinwirtschaftlichen
Zwangsorgane sind mehr und mehr das Ziel der Volkswirtschaften und Staaten ge—
worden, die nicht bloß von großen Kapitalisten und vom erwerbslustigen Gewinngeist
beherrscht werden, welche ernstlich die unteren Klassen heben wollen. Sie sind da am
Platz und leisten Besseres als das Privatgeschäft, wo man ein vorzügliches Beamtentum
und einen kräftigen Genossenschaftsgeist schaffen und erhalten kann.
224. Die Arbeitslosigkeit, der Arbeitsnachweis und die Arbeits—
losenversicherung. Die Arbeitslosigkeit, ihren allgemeinen Umfang und ihre
geographische Verbreitung haben wir oben schon bei Erörterung des Arbeitsangebotes
(II S. 308) kurz besprochen. Ihre Zunahme hat es bewirkt, daß die Arbeitslosen—
versicherung heute vielfach gefordert, als Ergänzung der bisher besprochenen Arbeiter—
versicherung betrachtet wird. Wir müssen bei diesem wichtigen Gegenstande hier noch
etwas verweilen.
Die allgemeinen Ursachen der Arbeitslosigkeit haben wir in unseren bis—
herigen socialen Erörterungen mehr oder weniger schon kennen gelernt. Wir wiederholen sie
nur summarisch: die unteren arbeitenden Klassen hatten früher meist eine kleine Natural—
und Eigenwirtschaft, die sie in der Not über Wasser hielt; sie hatten als Lohnarbeiter
meist Stellungen für Monate und Jahre. Aber mit der zunehmenden Hausindustrie,
dem zunehmenden Export nach fremden Märkten, mit der Abkürzung der Arbeitsverträge,
mit dem Schwinden des Verantwortlichkeitsgefühles der Unternehmer, für ihre Leute
dauernd sorgen zu müssen, wuchs rasch die Zahl der Geldlohnarbeiter, die von heute
auf morgen bei rückgängiger Arbeitsnachfrage ihr Verdienst verlieren, die dann keine
andere Hülfe als die Armenkafse haben. Die riesenhaften Geschäfte, die in wenigen
Wochen oder Monaten große Gebäude herstellen, Straßen, Eisenbahnen und Kanäle
bauen, können nur durch vorübergehende, rasch wechselnde Arbeiterbeschäftigung ihre
großen Erfolge erzielen. Die heutigen technischen und organisatorischen Fortschritte, die
Ausdehnung der internationalen Arbeitsteilung erfolgen stoßweise, der periodische
Wechsel von Kapitalüberfluß und Kapitalmangel, der in unserem heutigen wirtschaft—
lichen Organismus Haufse, Krisis und Baisse erzeugt, verändert öfter die Arbeits—