Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

24 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung— 482 
Neben dem Warengeschäft war die Ausbildung des Zahlungs- und 
Kreditgeschäfts fo wichtig, daß es für einzelne Messen frühe zur Hauptsache 
wurde. Je mehr feine Manufakte und Gewürze von Land zu Land gingen, der Kredit 
fich ausbildete, Zahlungen auf große Entfernungen zu machen waren, desto stärker 
mußten Geld und Kredit an dem Cirkulationsprozeß sich beteiligen. Und doch hatte 
jeder Ort und jedes Land anderes, viele hatten schlechtes Geld, eine nationale oder gar 
internationale Post für den Geldverkehr gab es noch nicht. So war die persönliche 
Zusammenkunft der Kaufleute verschiedener Gegenden und Länder auf den Messen die 
einzige oder Hauptgelegenheit, die Zahlungen von Ort zu Ort abzumachen. Häufig 
zahlte der schwächere Känfer dem Großhändler auf der solgenden Messe, was er in 
dieser gekausft. Der Kaufmann, der nicht selbst zur Messe zog, beauftragte einen 
Beschäftsfreund, für ihn zu zahlen oder Schulden einzuziehen. Die Geldwechsler, die 
ursprünglich wesentlich den Handwechsel, das Umwechseln verschiedener Münzen mit 
Gewinn getrieben, übernahmen nun noch mehr solche Aufträge. Die italienischen Geld— 
wechsler besuchten die nordischen Messen, sandten ihre Vertreter überall hin, gründeten 
Filialen und besorgten deren Aufträge auf den Messen. Der Wechsel ist dadurch ent— 
standen, daß Kaufleute oder Geldwechsler von solchen, die Zahlungen an anderen Orten, 
hauptsächlich für die Meßzeit zu machen hatten, das Geld am Orte des Schuldners 
heute von ihm nahmen und nach einigen Monaten dieselbe Summe in der Münze des 
anderen Ortes an den Bezugsberechtigten zahlten; sie gaben, da sie so einige Monate 
das Geld in Händen hatten und nutzen konnten, etwas mehr, als fie später zahlten, 
einen Zins, Diskontosatz; sie nahmen ein Darlehen und zahlten es am anderen Ort, in 
anderer Münze zurück. Die Wucherdoktrin, welche die Zinsen verbot, wagte hier die 
Zinsen nicht anzutasten, da sie gleichsam für den Münz- und Ortswechsel gezahlt waren. 
Alle größeren interlokalen Zahlungen wurden auf die Messen und ihre Zahltage gestellt. 
Eine feste Ordnung für die am Wechselverkehr Teilnehmenden trat ein; die Anerkennung 
der Wechsel und Zahlungsverbindlichkeiten, die Folgen der Nichtanerkennung, der Nicht- 
jahlung und der Protest wurden normiert; die Arl der gegenseitigen Ausgleichung, die 
etwa nötige Exekution wurde geregelt. Die heutige formale Natur des Wechsels bildete 
sich so im Zusammenhang mit diesen Einrichtungen aus. Wir kommen unten darauf zurück. 
Millionen konnten hierdurch schon im 16. und 17. Jahrhundert ohne Barzahlung durch 
Ausgleichung von Wechseln abgemacht werden. Der Geld- und Wechselumsatz auf einer 
Quartalmesse zu Piacenza wurde zu Anfang des 17. Jahrhunderts auf 16 Mill. Dukaten 
geschätzt. Die zahlreichen Geldgeschäfte Antwervens gegen 1550 giebt Ehrenberg auf 
40 Mill. an. — 
So war — um das Ergebnis des älteren Marktwesens zusammenzufafsen — überall 
in jener Zeit der größte Teil des Waren⸗-, Geld- und Kreditverkehrs auf bestimmte 
Orte und Zeiten konzentriert, gebunden an ein perfönliches Begegnen. Noch waren die 
meisten wirtschaftlichen Güter und Leistungen nicht in den Cirkulationsprozeß hinein⸗ 
gezogen, und von denen, bei welchen das der Fall, legte der weitaus größte Teil nur 
den kurzen Weg von der Umgegend der Stadt nach dem städtischen Narkt oder um— 
gekehrt zurück, der kleinste Teil bewegte sich bis zu den Jahrmärkten und Messen. 
Der ganze Güter- und Geldumlauf war in wenige klare Abteilungen geschieden; jede 
Ware hatte zeitlich und örtlich ihren umgrenzten Markt. Die Veränderuugen waren 
langsam, oft traten solche in Generationen nicht ein. Die Märkte waren zu übersehen. 
Angebot und Nachfrage auf ihnen pflegten lange als stabile Größen nur mit kleinen 
Schwankungen nach Ernte und Bedarf aufzutreten. Rur hatten natürlich die Jahr— 
märkte und die Messen eine größere Möglichkeit des Wachstums in sich als vder 
Wochens und der übrige lokale Markt. Denn schon der Jahrmarkt, noch mehr 
die Messe konnte durch ihre Blüte, durch ihre Gewinne Käufer und Verkäufer von 
weiter herlocken; der Wochenmarkt nahm nur zu mit der Stadtbevölkerung, die Messe 
konnte ihren Umschlag auf das 10- oder 100 fache steigern, indem sie die Jahrmärkte 
in der Nähe ersetzte, indem sie gewissen Waren neue Kunden warb, neue fremde Waren 
heranzog, ihren Besucherkreis von 10 auf 100 oder 500 Mteilen ausdehnte.
	        
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